www.nahost-journal.de

 

Diese Seite enthält Meldungen der verschiedensten internationalen Nachrichtenagenturen über das politische Geschehen in der Nahost-Region, speziell über den Israel-Palästina-Konflikt, und wird laufend mit lesenswerten Beiträgen aktualisiert.

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Es ist nicht erlaubt den Holocaust zu instrumentalisieren

Gideon Spiro Jerusalem über Ariel Scharon und die israelische Besatzungspolitik

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Christliche Fundamentalisten als Israels Freunde?

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"Da sind Spuren wie von einer trampelnden Elefantenherde"

Der erste Verdacht kam ihm, da saß er im Bundestag. Geheimdienste wurden sein Thema. Andreas von Bülow traut ihnen Schlimmstes zu: eine Verwicklung in die New Yorker Anschläge.

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Der Kampf für das Gute

Religiöse Motive amerikanischer Politik

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Zollfrei nach Israel

Italiens Vizepremier Gianfranco Fini hat eine bemerkenswerte Wandlung hinter sich –

vom Bewunderer des Duce zum Freund Ariel Scharons

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BUSHS MASTERPLAN Der Krieg, der aus dem Think Tank kam

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Amerika, du machst es besser

Warum Juden in aller Welt lieber auf die US-Armee vertrauen als auf

Friedensbewegungen

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Leserbrief von der Tochter des verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden des Rats der

Juden in Deutschland zum Fall Friedmann

 

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20% der Gesamt-Bevölkerung inhaftiert

Seit 1967 waren über eine halbe Million Kinder, Jugendliche und

Erwachsene in israelischen Gefängnissen inhaftiert

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Ärger mit heißen Kartoffeln

Ein bekannter Nachrichtensprecher in Israel hat sich mit einem Dokumentarfilm

unbeliebt gemacht

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Auch Palästinenser spenden 10.000 Dollar für "Katrina"-Opfer

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Ausgangssperre in der Sesamstraße

Karim, Hanin und Battuta - so heißen die Figuren der neuen Folgen einer auf

palästinensische und israelische Kinder zugeschnittenen Sesamstraße.

Peter Schäfer beschrieb in der NZZ die schwierigen Produktionsbedingungen.
Die Schwierigkeit, versöhnliches Fernsehen zu machen

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Dunum um Dunum

Was würde man wohl sagen, wenn eine amerikanische Institution, die ein Siebtel des

ganzen Landes verwaltet, Richtlinien akzeptieren würde, die es ihr erlauben, Land nur

an weiße, angelsächsisch-stämmige Protestanten zu verkaufen oder zu verpachten?

Wir würden dies sicher nicht glauben. Und eigentlich sollte  so etwas  auch  nicht möglich sein

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Forscher: Israel-Lobby bestimmt US-Außenpolitik

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Hungrig auf das Leben

Das Internet ist für Jugendliche im abgesperrten Gaza-Streifen

oft die einzige Chance für Kontakte nach draußen

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Jüdischer Kulturverein gegen Islamophobie

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Was Indianer und Palästinenser gemeinsam haben

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"Es ist nicht erlaubt den Holocaust zu instrumentalisieren"

Gideon Spiro Jerusalem über Ariel Scharon und die israelische Besatzungspolitik


Im Folgenden dokumentieren wir einen Beitrag, der am 25. Mai 2002 im "Neuen Deutschland" unter dem Titel "Scharons gefährliche Visitenkarte" erschien. Der Autor, Gideon Spiro (66), wurde in Berlin geboren und emigrierte 1939 nach Palästina. Als Fallschirmjäger der israelischen Armee nahm er an den Kriegen 1956, 1967 und 1973 teil, verließ diese aber 1982 aus Protest gegen den Einmarsch in Libanon und wurde Mitbegründer der Organisation »Yesh Gvul« (Es gibt eine Grenze).


Von Gideon Spiro, Jerusalem

Die demokratische Infrastruktur in Israel befindet sich in einer tiefen Krise. Es breitet sich eine McCarthy-ähnliche Atmosphäre aus. Linksliberale Journalisten werden gefeuert. Künstlern, die sich gegen die Besetzung äußern und die »refusniks« (Soldaten, die einen Einsatz in den besetzten Gebieten verweigern) unterstützen, erhalten Auftrittsverbot. Europäer und Amerikaner, die nach Israel kommen und gegen die Apartheid-Politik und die Verletzung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten sprechen und handeln, werden verhaftet und ausgewiesen.

Vor einer Woche wurden zwei Gesetze in der Knesset verabschiedet, die die Redefreiheit beschränken und jeden arabischen Israeli, der einer »Verbindung mit dem bewaffenten Kampf in Israel« verdächtigt wird, vom passiven Wahlrecht ausschließen.

Die Welt bemerkt nicht, dass die demokratischen Normen in Israel zurückgeschraubt werden, aber sie nimmt die Bilder der repressiven und brutalen Aktionen wahr, die die israelische Armee in den besetzten Gebieten verübt. Natürlich lösen sie scharfe Kritik an der israelischen Regierung, insbesondere an Scharon aus.

Ein Weg, auf dem Israel Kritik abwehrt, ist die manipulative und zynische Ansprache des Antisemitismus. Israelische und internationale Menschenrechtsanwälte müssen aufpassen, nicht in diese Falle zu gehen, die jeden zu neutralisieren droht, der die Politik von Scharon nicht teilt. Vor diesem Hintergrund ist das Problem der Israel-Kritik zu diskutieren, das nicht nur in Deutschland zu Auseinandersetzungen führt. Hatte Michel Friedman Recht, als er Jürgen Möllemann, des Antisemitismus bezichtigte, nachdem dieser erklärt hatte, dass Scharon und Friedman zum Anwachsen des Antisemitismus beitragen? Lag Möllemann richtig in seiner Einschätzung? Hatte Claudia Roth Recht, als sie eine Strafanzeige gegen Möllemann mit dem Vorwurf stellte, dass er den Antisemitismus anfachen würde? Lag Jamal Karsli richtig, als er erklärte, dass die israelische Armee Nazi-Methoden gegen die Palästinenser anwenden würde?

Diese Fragen berühren alle, die sich mit dem israelisch-arabischen Konflikt befassen – Akteure, interessierte Beobachter und Menschenrechtsanwälte, auf deren Schultern das Leid dieses Begriffs lastet.

Meine Antworten bestehen aus vier Grundaussagen. Erstens: Israel ist nicht immun gegen Kritik. Zweitens: Kritik an Israel ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Drittens: Rassismus und Verletzung von Menschenrechten, die es in Israel gibt, können nicht damit entschuldigt werden, dass es Juden sind, die sie begehen. Viertens: Es darf nicht erlaubt sein, den Holocaust zu instrumentalisieren, um Kritik an israelischer Politik zum Schweigen zu bringen.

Scharons Politik ist die Visitenkarte, die Israel derzeit abgibt, und mit Verweis auf diese Visitenkarte können antisemitische Stimmungen in der Tat eine gefährliche Nahrung finden. Wer Scharon unterstützt, muss sich diesen Vorwurf mit zurechnen lassen, statt ihn dumpf zu kontern. Es muss gegen alle Formen von Antisemitismus gekämpft werden, wie gegen alle Formen des Rassismus. Man muss die Verteidiger der israelischen Politik befragen: Unterstützen sie die Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten, die nach internationalen Konventionen und UN-Resolutionen ein Kriegsverbrechen darstellen? Möchten sie solche Leute wie Haider und Le Pen in Deutschland an der Macht sehen? Wenn nicht, warum unterstützen sie die israelische Regierung, zu denen Mitglieder gehören, die Haider und Le Pen ähnlich sind (im Vergleich mit einigen israelischen Regierungsmitgliedern wäre Haider fast gemäßigt rechts zu nennen)? Frau Roth begeht einen Fehler, wenn sie die Staatsanwaltschaft auffordert, sich in einen politischen Konflikt einzumischen. Soweit ich es erkennen kann, stehen Möllemanns Äußerungen nicht in Verbindung mit Antisemitismus. Aber ich weiß, dass in Israel die Einmischung von Polizei und Staatsanwaltschaft in politische Dispute von Rechtsextremen benutzt wird, um Linke und Liberale zum Schweigen zu bringen.

Die Unterdrückung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten durch die israelische Armee ist ein Akt von Staatsterror. Dieser Terror schließt die militärische Belagerung von drei Millionen Menschen ein, die Tausende an den Rand des Verhungerns bringt. Dieser Terror verhindert, dass schwangere Frauen rechtzeitig das Hospital erreichen, führt damit auch zum Tod von Neugeborenen. Er verwehrt es auch Dialyse-Patienten, zu ihrer Behandlung zu kommen und verursacht ihren Tod. Dies alles sind Ergebnisse von Maßnahmen der Scharon-Regierung. Und all dies verbindet sich in einer endlosen Spirale mit dem palästinensischen Terror, der den Tod in unseren Straßen sät. Es ist der religiös-nationale jüdische Fundamentalismus, der so sein palästinensisches Gegenüber nährt. Es ist keine Überraschung, dass gelegentlich jemand die israelische Besatzungsarmee mit der deutschen Armee während des Zweiten Weltkriegs vergleicht. Es muss daran erinnert werden, dass die deutsche Besetzung in Polen nicht dieselbe war, wie die deutsche Besetzung in Norwegen. Militärische Besetzungen haben an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Gesichter. Und während eine seit 35 Jahren andauernde israelische Besetzung von Westjordan und Gaza sicher keine Konzentrationslager kennt, so ist sie doch brutaler als die deutsche Besetzung in Norwegen und Dänemark. Dennoch: Keine Kritik an Unrecht hat Vergleiche nötig, sie verwirren in der Regel den Blick, und erleichtern es anderen, von der Wirklichkeit abzulenken. Zumal wenn man Vergleiche benutzt, die in das Gedächtnis der letzten Generationen als das Barbarischste und Schrecklichste eingebrannt sind. Nur Menschen, die selbst Opfer von Unrecht sind, kann zugestanden sein, dass ihr Maßstab für Kritik und Aufschrei nicht immer die nüchterne Analyse ist.

Eines der wirksamsten Mittel, die Kritik an Israel zum Schweigen zu bringen, wäre das Ende der Besetzung Palästinas. Dabei kann Deutschland eine wichtige Rolle spielen: Statt militärische Güter nach Israel zu verschiffen, wäre es besser, ein paar Menschenrechte zu schicken. Gerade wegen der deutschen Vergangenheit.

Aus: ND, 25. Mai 2002

 

 

 

 

Christliche Fundamentalisten als Israels Freunde?

 

Ausgangspunkt

Im vergangenen Jahr fanden in mehreren Städten Kundgebungen statt mit dem Titel "Israel, du bist nicht allein". Als Veranstalter firmierte "Eine Initiative von Christen, die Israel lieben". Auffallend war, dass die Veranstalter fast ausschließlich aus dem evangelikalen und pfingstlerisch-charismatischen Flügel der Christenheit stammten und die Arbeitsgemeinschaften "Christen und luden" beim Ev. Kirchentag oder Katholikentag und überhaupt die klassischen Träger des jüdisch-christlichen Dialogs nicht auftauchten. lediglich die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wurde einmal in der Lokalpresse als Unterstützer genannt. Laut Flugblatt der Veranstalter sollte die Kundgebung drei Dinge zum Ausdruck bringen:

 

       Mitgefühl mit Israel (wohl angesichts zunehmender Terror-Attentate);

       Verbundenheit mit den jüdischen Menschen in Deutschland;

       Unterstützung des bedrohten Existenzrechts Israels.

 

Diese Programmpunkte wirken auf den ersten Blick konsensfähig und unauffällig: auffallend ist höchstens die völlig fehlende Erwähnung des Existenzrechts der Palästinenser bzw. des Mitgefühls auch mit palästinensischen Opfern der gegenwärtigen Gewalt.

 

 

Veranstalter

Beschäftigt man sich freilich etwas näher mit den Veranstaltern, so stößt man auf Positionen, die sehr viel weniger konsensfähig sein dürften. Nehmen wir etwa die

 

Koordinatoren des Ganzen, die "Christlichen Freunde Israels e.V." aus Altensteig. Auf deren Homepage1 kommt eine ebenso eindeutige wie einseitige Sicht des gegenwärtigen Nahost-Konflikts zum Ausdruck, die theologisch wie politisch fragwürdig erscheint. So heißt es auf die Frage, warum Christen Freunde Israels sein sollten, unter anderem:

 

Weil das jüdische Volk in Erfüllung der Prophezeiungen der Bibel in sein Land zurückgekehrt ist und dort Wiederherstellung erlebt (Hes. 36,24).

 

Weil der wieder entstehende jüdische Staat mit Jerusalem als Hauptstadt der Sitz der Regierung des Messias bei seiner Wiederkehr sein wird (Jes. 2,34).

 

Die endzeitlichen Verheißungen der Bibel werden also unmittelbar auf die gesellschaftlich-politische Konfliktlage der Gegenwart angewandt. Die Grenzziehung im Nahen Osten ist aus dieser Sicht durch göttliches Wort auf ewig festgelegt - die Bibel als Grundbuch sozusagen - und keinesfalls mehr menschlicher Verhandlung anheim gegeben. Auf der Homepage der "Christlichen Freunde Israels" liest sich das so:

 

Gemäß der Bibel gehört der kleine Landstreifen Gott.

 

Gott wiederum hat das Land Abraham, Isaak und deren Nachkommen (jüdisches Volk) auf ewig verheißen.

 

Die Palästinenser sind gemäß der Bibel "Fremdlinge im Land", die gut und gastfreundlich zu behandeln sind, die aber Fremdlinge sind.

 

Um jedes Missverständnis auszuschließen, wird hervorgehoben, dass gerade die heute so umstrittene "West-Bank", das Westjordanland, als „Judäa und Samaria"

biblisches Kernland und "Israel auf ewig gegeben" sei. Deshalb wird vorbehaltlose Solidarität mit den Siedlern gepredigt. Ein selbstständiger Palästinenserstaat auf diesem Gebiet wäre darum ein Sakrileg. Von den Palästinensern heißt es darum konsequent:

 

Wenn Gott das Land für sein Volk Israel bestimmt hat, so sind und bleiben die Palästinenser "Fremdlinge" darin. Es gibt viele Gebote in der Bibel, die Israel anweisen, freundlich mit den Fremdlingen umzugehen. Fremdlinge haben aber keine Selbstbestimmung.

 

 

 

Politische Verortung

Es überrascht daher kaum, dass die Politik des LIKUD-Blocks, also Begins, Netanjahus und Sharons, von Seiten dieses evangelikal-charismatischen Lagers massive Unterstützung erfährt. Dessen Brückenkopf in Israel ist die "Internationale Christliche Botschaft Jerusalem" (ICEJ). Dazu schreibt Uwe Birnstein: "Als im Juli 1980 das israelische Parlament Jerusalem zur Hauptstadt erklärte, öffneten viele Staaten ihre diplomatischen Vertretungen absichtlich in Tel Aviv. Kurz darauf öffnete die ICEJ ihre Türen in Jerusalem. Fundamentalistische Christen aus vielen Ländern bekundeten öffentlich: Israel - Du bist nicht allein. Wir beten für Dich und arbeiten Seite an Seite mit Dir!' Die ICEJ geht davon aus, dass die Wiederherstellung des jüdischen Staates auf die bevorstehende Errichtung des messianischen Reiches durch den von Juden und Christen erwarteten Messias hindeutet'. Für die israelische Regierung ist die von offiziellen Kirchen unabhängige Christliche Botschaft' eine wichtige Unterstützung.

Nicht nur wegen ihrer finanziellen Hilfe bei einzelnen sozialen Projekten, sondern auch wegen der ideologischen Rückendeckung. Bei Kongressen der ICEJ traten alle Ministerpräsidenten auf, von Menachem Begin bis Benjamin Netanjahu. Sie finden hier unkritischen Rückhalt. ‚Die vornehme, kritische und mitunter feindselige Distanziertheit der meisten orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen gegenüber Israel und seiner Politik hat dazu verholfen, dass die ‚Christliche Botschaft' die der israelischen Regierung nahestehendste christliche Organisation wurde', schreibt Professor Jakob Ariel in einer Studie des David-Institutes für internationale Beziehungen.“² Entsprechend reagierten diese evangelikal-charismatischen Gruppen auf den Friedensprozess. Jeder Versuch der Verständigung mit den Palästinensern wurde als Verrat, als verurteilenswerter und zugleich illusionärer und "säkularer Humanismus" gegeißelt. Politiker wie Peres oder Rabin wurden wegen ihrer Kompromissbereitschaft scharf kritisiert. Das gipfelte 1995 im Rundbrief 3/95 der charismatischen Bewegung "Fürbitte für Deutschland" in kaum verhüllten Beifall für den Mord an Rabin, der bekanntlich von einem jüdischen Fundamentalisten verübt worden war: "Es könnte sein, dass Rabin geistlich ein Usija war, ein König, der viele Siege mit dem Herrn errang und dessen Herz treulos wurde, so dass der Herr ihn wegnehmen musste".

 

Theologische Verortung

Woher kommt nun diese christliche Begeisterung für ein Groß-Israel? Sie ist gespeist aus eigenen Endzeiterwartungen. Die besagen zweierlei: Die Wiedererrichtung des biblischen Israel ist ein Zeichen und Voraussetzung der Endzeit. Der Messias kann erst wiederkommen, wenn er in ein jüdisches Jerusalem zurückkehrt. Aber der Messias ist natürlich der neutestamentliche Jesus, zu dem sich auch die Juden letztlich bekennen und bekehren müssen. Auch dies im O-Ton der "Christlichen Freunde Israels":

 

Wir glauben, dass die Wiedereinsetzung des jüdischen Volkes in das Land Israel gemäß dem im Wort Gottes enthaltenen Versprechen geschieht und die Zeit Gottes, "Zion zu bestätigen", begonnen hat.

 

Wir wissen, dass auch die Juden nur dann ewiges Leben haben, wenn sie Jeshua als ihren Herrn und Gott er- und bekennen.

 

Enger Kontakt besteht zu sogenannten "messianischen Juden", die christlich-evangelikalen Glauben mit jüdischem Brauchtum zu verbinden suchen und die in der Vergangenheit vor allem jüdische Auswanderer aus Russland zu missionieren suchten, zum Teil deren religiöse Unkenntnis ausnutzend. Die jüdischen Gemeinden wiederum lehnen die Missionstätigkeit der "messianischen Juden" schroff ab.

 

Bewertung

Zwei zentrale Kritikpunkte machen diese Bewegung fragwürdig: Politisch ist es die Erklärung Groß-Israels zur unverhandelbaren Gottesgabe und  - darin eingeschlossen - die völlige Delegitimierung eines Prozesses "Land für Frieden". Theologisch ist es die massive Endzeit-Erwartung samt Judenmission mit Israel als Baustein christlicher Apokalyptik. Schon als Verständigung noch möglich schien, setzten diese Gruppen eher auf den endzeitlichen großen Knall. So sah es jedenfalls der Journalist Martin Kloke in den Evangelischen Kommentaren 1995: "Mit Unbehagen nehmen die frommen Israelifreunde jene den Palästinensern zugesagten Konzessionen wahr, die sich in der Formel Land gegen Frieden' verdichtet haben. Das kommt ihrer Auffassung nach der Aufgabe biblischen Landes gleich und ist daher ein unbotmäßiger Eingriff in den deterministisch vorgezeichneten göttlichen Heilsfahrplan." Wäre es zu einem israelisch-palästinensischen Verständigungsprozess gekommen, hätte dies das apokalyptische Weltbild dieser christlichen Endzeitspezialisten gehörig ins Wanken gebracht. Nochmals Kloke: "kein Groß-Israel auf dem biblisch verheißenen Boden, sondern zwei mehr oder weniger gut neben- und miteinander koexistierende Staaten; keine konfrontative Zuspitzung, keine Aussicht auf einen Dritten Weltkrieg. So hat man sich die Endzeit nicht vorgestellt. Denn, zuvor bedarf es des letzten großen Knalls; er wird als der Beginn einer läuternden Wende gedacht, in der die endzeitliche Erlösung Israels und die Erlösung der standhaft gebliebenen Christen einsetzt."³ Reinhard Hempelmann äußerte in der gleichen Zeitschrift wenige Jahre später über den christlichen

Zionismus dieser Gruppen, er werde "um den Preis der Dämonisierung der Palästinenser erkauft. Mit Berufung auf die Landverheißung wird ein Groß-Israeli-Konzept unterstützt, wie es auch in national-religiösen Kreisen in Israel lebendig ist.“4

 

Die Ausweglosigkeit dieses Konzepts zeigt sich gegenwärtig dramatischer denn je. Um so erstaunlicher ist, wie bruchlos diese apokalyptische Sicht des Nahost-Konflikts heute fortgeschrieben wird. Mein Fazit: Dieser Schulterschluss von jüdischem und christlichem Fundamentalismus ist für seriöse christlich-jüdische Zusammenarbeit keine Hoffnung, sondern ein Hindernis.

 

Anmerkungen

 

1  Vgl. www.christliche-freunde-israels.de.

 

2  Uwe Birnstein, Wenn Gottes Wort zur Waffe wird. Christlicher Fundamentalismus im Aufwind, Gütersloh 1999, 97.

 

3 Evangelische Kommentare 11/1995, 649.

4       Evangelische Kommentare 1/1999, 15.

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

 

Lutz Lemhöfer, geb. 1948, katholischer Theologe und Politologe, Referent für Weltanschauungsfragen im Bistum Limburg.

 

Quelle: Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen

66. Jahrgang   3/2003  Seite 111-113

Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

 

Lutz Lemhöfer, Frankfurt a. M.

 

 

 

*** "Da sind Spuren wie von einer trampelnden Elefantenherde"

 

Der erste Verdacht kam ihm, da saß er im Bundestag. Geheimdienste wurden sein Thema. Andreas von Bülow traut ihnen Schlimmstes zu: eine Verwicklung in die New Yorker Anschläge.

 

Stephan Lebert / Norbert Thomma

 

Er war Minister für Forschung und Technologie im Kabinett von Helmut Schmidt und 25 Jahre SPD-Abgeordneter im Bundestag. Im Untersuchungsausschuss Schalck-Golodkowski erlebte Andreas von Bülow, 64, die Arbeit der Geheimdienste. Als Folge schrieb er das Buch "Im Namen des Staates". Von Bülow lebt als Anwalt in Bonn.

Sie wirken so zornig, richtig aufgebracht.

Was mich aufregt, kann ich Ihnen erklären: Ich sehe, dass nach den entsetzlichen Anschlägen vom 11. September die gesamte politische Öffentlichkeit in eine Richtung gedrängt wird, die ich für falsch halte!

Was verstehen Sie darunter?

Ich wundere mich, dass viele Fragen nicht gestellt werden. Normalerweise ist es bei einer solch schrecklichen Geschichte so, dass verschiedene Spuren und Beweise auftauchen, die dann kommentiert werden, von den Ermittlern, von den Medien, von der Regierung: Ist da was dran oder nicht? Sind die Erklärungen plausibel? Diesmal ist das überhaupt nicht der Fall. Das fing schon wenige Stunden nach den Attentaten in New York und Washington an und ...

...in diesen Stunden war Entsetzen, Trauer.

Richtig, aber im Grunde war es doch erstaunlich: Es gibt 26 Geheimdienste in den USA mit einem Etat von 30 Milliarden Dollar ...

Mehr als der deutsche Verteidigungshaushalt ...

die haben die Anschläge nicht verhindern können. Ja, sie haben nicht einmal etwas davon geahnt. 60 entscheidene Minuten lang ließen Militär und Geheimdienste die Abfangjäger am Boden. 48 Stunden später jedoch präsentiert das FBI eine Liste mit Selbstmordattentätern. Innerhalb von zehn Tagen stellt sich heraus, dass sieben dieser Leute noch leben.

Wie bitte?

Ja, ja, und warum hat der FBI-Chef zu keiner Unstimmigkeit Stellung genommen? Woher diese Liste kam, warum sie falsch war? Wenn ich leitender Staatsanwalt in so einer Ermittlung wäre, würde ich regelmäßig vor die Öffentlichkeit treten und Auskunft darüber geben, welche Spur hinfällig ist und welche nicht.

Die US-Regierung hat nach den Anschlägen von einer Ausnahmesituation gesprochen: Man befinde sich in einem Krieg. Ist es nicht verständlich, dass man dem Feind nicht alles mitteilt, was man von ihm weiß?

Natürlich. Doch eine Regierung, die in den Krieg zieht, muss in einem Verfahren zunächst feststellen, wer der Angreifer ist, der Feind. Hierfür ist sie beweispflichtig. Nach eigenem Eingestehen hat sie bis heute keine gerichtsverwertbaren Beweise vorlegen können.

Einige Informationen über die Attentäter sind durch Recherchen belegt. So ist der mutmaßliche Anführer, Mohammed Atta, noch am Morgen des 11. September von Portland nach Boston geflogen, um dort in die Maschine einzusteigen, die ins World Trade Center raste.

Wenn dieser Atta der entscheidende Mann bei der Aktion war, ist es doch seltsam, dass er das Risiko eingegangen ist, äußerst knapp vorher erst mit einem anderen Flugzeug nach Boston zu fliegen. Hätte diese Maschine ein paar Minuten Verspätung gehabt, wäre er nicht im Flugzeug gewesen, das entführt worden ist. Warum sollte ein raffinierter Attentäter das tun? Man kann bei CNN übrigens nachlesen, dass keiner dieser Namen auf den offiziellen Passagierlisten stand. Keiner hat eines der vier Check-in-Verfahren durchlaufen. Und warum hat keiner der bedrohten Piloten über den Steuerknüppel den vereinbarten Signal-Code 7700 an die Bodenstationen eingegeben? Außerdem: Die brand- und stoßsicher gebauten Flugschreiber und Stimmaufzeichnungsgeräte aus dem Cockpit enthalten keinerlei auswertbare Daten.

Das kommt vor ...

wie auch Attentäter, die bei ihren Vorbereitungen Spuren wie eine trampelnde Elefantenherde hinterlassen? Sie zahlten mit Kreditkarten auf ihren Namen, sie meldeten sich bei ihren Fluglehrern mit Klarnamen. Sie hinterlassen Mietwagen mit arabischen Fluganleitungen für Jumbojets. Sie nehmen auf dem Weg in den Selbstmord Testamente und Abschiedsbriefe mit, die dem FBI in die Hände fallen, weil sie falsch verstaut oder adressiert waren. Da wurden Spuren wie bei einer Schnitzeljagd gelegt, denen man ja folgen soll! Es gibt auch die Theorie eines britischen Flugzeugingenieurs: Danach ist den Piloten die Steuerung der Flugzeuge möglicherweise von außen aus der Hand genommen worden. Die Amerikaner hätten in den 70er Jahren eine Methode entwickelt, um entführte Maschinen durch einen Eingriff in die Computersteuerung zu retten. Diese Technik sei hier missbraucht worden. Das ist eine Theorie...

...die recht abenteuerlich klingt und von der noch nie die Rede war.

Sehen Sie! Ich mache mir diese Theorie ja nicht zu eigen, aber ich finde sie bedenkenswert. Und was ist mit den obskuren Aktiengeschäften? In der Woche vor dem Attentat haben sich die Umsätze im Wertpapierhandel bei den Fluglinien American Airlines, United Airlines und Versicherungen um 1200 Prozent gesteigert. Es ging um etwa 15 Milliarden Dollar. Einige Leute müssen etwas gewusst haben. Wer?

Spekulieren Sie mal.

Mit Hilfe der entsetzlichen Anschläge sind die westlichen Massendemokratien einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Das Feindbild des Antikommunismus taugt nicht mehr, es soll durch die Völker muslimischen Glaubens ersetzt werden. Man unterstellt ihnen, sie würden den Selbstmord-Terror gebären.

Gehirnwäsche? Das ist starker Tobak!

Ja? Aber die Idee mit dem Feindbild kommt nicht von mir. Sie kommt von Zbigniew Brzezinski und Samuel Huntington, zwei Vordenkern amerikanischer Geheimdienst- und Außenpolitik. Schon Mitte der 90er Jahre meinte Huntington, die Menschen in Europa und den USA bräuchten jemanden, den sie hassen könnten - das stärke die Identifikation mit der eigenen Gesellschaft. Und Brzezinski, der verrückte Hund, warb schon als Berater von Präsident Jimmy Carter für das alleinige Zugriffsrecht der USA auf alle Rohstoffe der Welt, vor allem Öl und Gas.

Sie meinen, die Ereignisse vom 11. September ...

passen genau in das Konzept der Rüstungsindustrie, der Geheimdienste, des gesamten militärisch-industriellen-akademischen Komplexes. Das ist doch auffällig. Die großen Rohstoffreserven auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion stehen nun zur Disposition, auch die Wege für die Pipelines und ...

Das hat Erich Follath im "Spiegel" ausführlich beschrieben: "Es geht um Militärbasen, um Rauschgift, um Erdöl- und Erdgas-Reserven" ...

ich stelle fest: Die Planung der Attentate war eine technische wie organisatorische Meisterleistung. In wenigen Minuten vier Großraumflugzeuge zu entführen und binnen einer Stunde in komplizierten Flugbewegungen ins Ziel zu steuern! Das ist ohne langjährigen Rückhalt aus den geheimen Apparaten von Staat und Industrie undenkbar.

Sie sind ein Verschwörungstheoretiker!

Ja, ja. Das ist der Spott derer, die gerne der amtlich verlautbarten Linie folgen. Auch investigative Journalisten werden mit Propaganda und Desinformation gefüttert. Wer das anzweifelt, der kann nicht alle Tassen im Schrank haben! Das ist doch Ihr Vorwurf.

Ihre Karriere spricht eher gegen die Vermutung, dass Sie nicht ganz bei Sinnen sind. Sie wurden schon Mitte der 70er Jahre Staatssekretär im Verteidigungsministerium, 1993 waren Sie SPD-Sprecher im Untersuchungsausschuss Alexander Schalck-Golodkowski...

und damit fing im Grunde alles an! Bis dahin hatte ich keine große Kenntnis von der Arbeit von Geheimdiensten. Und nun mussten wir eine große Diskrepanz feststellen: Wir durchleuchteten die Machenschaften der Stasi und anderer östlicher Geheimdienste im Bereich der Wirtschaftskriminalität, aber sobald wir etwas über die Vorgehensweise des BND oder der CIA wissen wollten, wurde gnadenlos geblockt. Keine Information, keine Kooperation, nichts! Da bin ich das erste Mal stutzig geworden.

Schalck-Golodkowski hat für die DDR unter anderem verschiedene Auslandsgeschäfte eingefädelt. Als Sie seinen Fall näher betrachteten...

da fanden wir beispielsweise eine Spur in Rostock, wo Schalck sein Waffenlager organisiert hat. Na ja, und dann stößt man auf eine Niederlassung von Schalck in Panama, und dort stößt man dann auf Manuel Noriega, der jahrelang Präsident, Drogenhändler und Geldwäscher in einem war, nicht? Und dann stand dieser Noriega ja auch noch auf der Gehaltsliste der CIA. Mit 200 000 Dollar per annum. Es waren solche Dinge, die mich richtig neugierig gemacht haben.

Sie haben ein Buch über die Machenschaften von CIA & Co geschrieben. Sie sind inzwischen ein Experte geworden, was die Merkwürdigkeiten in der Arbeit von Geheimdiensten angeht.

Das Wort "Merkwürdigkeit" ist die falsche Formulierung. Was im Namen der Geheimdienste schon alles passiert ist und passiert, sind richtige Verbrechen.

Was, würden Sie sagen, bestimmt in erster Linie die Arbeit der Geheimdienste?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde, dass Geheimdienste durchaus ihren Sinn haben und ...

Sie halten nichts von früheren Forderungen der Grünen, die diese Dienste abschaffen wollten?

Nein. Es ist richtig, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Die Nachrichtengewinnung über die Absichten eines Feindes, die ist sinnvoll. Es ist wichtig, wenn man versucht, sich in die Hirne der Gegner hineinzuversetzen. Wer die Methoden des CIA verstehen will, muss sich mit seinen Hauptaufgaben beschäftigen, den covered operations: Unterhalb der Kriegsführungsebene, abseits jedes Völkerrechts sollen fremde Staaten beeinflusst werden, etwa indem man Aufstände inszeniert oder Terroranschläge, in der Regel kombiniert mit Drogen- und Waffenhandel und Geldwäsche. Das ist im Kern ziemlich einfach: Man rüstet gewalttätige Leute mit Waffen aus. Da aber auf keinen Fall rauskommen darf, dass ein Geheimdienst dahinter steckt, werden mit großem Aufwand jegliche Spuren verwischt. Ich habe den Eindruck, dass derartige Geheimdienste 90 Prozent ihrer Zeit damit verbringen: falsche Fährten legen. Damit, wenn irgendjemand eine Mittäterschaft der Dienste behauptet, die Krankheit des Verschwörungswahns unterstellt werden kann. Die Wahrheit kommt oft erst Jahrzehnte später raus. Der CIA-Chef Allan Dulles hat mal gesagt: Im Zweifel belüge ich sogar den Kongress!

Der amerikanische Journalist Seymour M. Hersh hat im "New Yorker" geschrieben, auch einige Leute von CIA und Regierung gingen davon aus, dass manche Spuren wohl gelegt wurden, um zu verwirren. Wer, bitte, Herr von Bülow, soll das alles gemacht haben?

Ich weiß das auch nicht, woher auch? Ich nutze nur meinen gesunden Menschenverstand und stelle fest: Die Terroristen haben sich so auffällig verhalten, wie es nur geht. Und als gläubige Muslime waren sie auch noch in einer Striptease-Bar und haben betrunken der Tänzerin Scheine ins Höschen gesteckt.

Selbst so etwas soll es geben.

Mag ja sein. Ich kann als Einzelkämpfer nichts beweisen, das übersteigt meine Möglichkeiten. Ich habe aber wirklich Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, dass das alles ein einzelner böser Mann in seiner Höhle ausgeheckt hat.

Herr von Bülow, Sie sagen selbst, dass Sie mit Ihrer Kritik alleine stehen. Früher gehörten Sie zum politischen Establishment, heute sind Sie ein Außenseiter.

Das ist manchmal ein Problem, aber daran gewöhnt man sich. Im übrigen kenne ich eine Menge Leute, auch sehr einflussreiche, die mir hinter vorgehaltener Hand Recht geben.

Haben Sie noch Kontakt zu alten SPD-Weggefährten wie Egon Bahr und den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt?

Es gibt keinen engen Kontakt mehr. Ich wollte zum letzten SPD-Parteitag, bin aber krank geworden.

Kann es sein, Herr von Bülow, dass Sie heute den typischen Anti-Amerikanismus kolportieren?

Unsinn, das hat überhaupt nichts mit Anti-Amerikanismus zu tun. Ich bin ein großer Verehrer dieser großen, freien Gesellschaft und war das schon immer. Ich habe in den USA studiert.

Wie kommen Sie auf die Idee, dass es zwischen den Anschlägen und den amerikanischen Geheimdiensten eine Verbindung geben könnte?

Erinnern Sie sich an den ersten Anschlag auf das World-Trade-Center im Jahr 1993?

Bei dem Attentat starben durch eine Bombe sechs Menschen, mehr als Tausend wurden verletzt.

Da stand im Mittelpunkt als Bombenbastler ein ehemaliger ägyptischer Offizier. Er hatte sich für den Anschlag einige Muslime zusammengeholt. Diese waren trotz Einreiseverboten des State Department von der CIA ins Land gelotst woren. Gleichzeitig war der Chef der Bande Informant des FBI. Und er vereinbarte mit den Behörden: Im letzten Moment werde das gefährliche Sprengmaterial durch ein harmloses Pulver ersetzt. Das FBI hielt sich nicht daran. Die Bombe ist sozusagen mit Wissen des FBI hochgegangen. Die offizielle Tatversion war rasch gefunden: Täter waren böse Muslime.

Sie saßen damals im Kabinett von Helmut Schmidt, als Soldaten der Sowjetunion in Afghanistan einmarschierten. Wie war das damals?

Die Amerikaner drängten auf Handelssanktionen, sie forderten den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau...

dem sich die Bundesregierung anschloss...

und heute wissen wir: Es war die Strategie des amerikanischen Sicherheitsberaters Brzezinski, die Sowjetunion von angrenzenden muslimischen Staaten aus zu destabilisieren: Man lockt die Russen nach Afghanistan und bereitet ihnen dann die Hölle auf Erden, ihr Vietnam. Mit maßgeblicher Unterstützung der US-Geheimdienste wurden in Afghanistan und Pakistan mindestens 30 000 muslimische Kämpfer ausgebildet, lauter Tunichtgute und Fanatiker, die zu allem bereit waren und es bis heute sind. Und einer von ihnen ist Osama bin Laden. Ich habe vor Jahren schon geschrieben: "Aus dieser Brut erwuchsen in Afghanistan die in Koranschulen mit westlichen und saudischen Geldern großgezogenen Taliban, die das Land derzeit terrorisieren und zugrunde richten."

Auch wenn Sie sagen, es ginge den USA um die Rohstoffe der Region: Ausgangspunkt der US-Angriffe ist immer noch dieser Terroranschlag, der tausenden Menschen das Leben gekostet hat.

Völlig richtig: Man muss sich immer diese grauenvolle Tat in Erinnerung rufen. Trotzdem darf ich doch bei der Analyse politischer Prozesse schauen, wer Vor- und Nachteile davon hat, oder was Zufall ist. Im Zweifel lohnt sich immer ein Blick auf die Landkarte, wo liegen Bodenschätze und die Zugangswege dahin? Dann legen sie eine Karte mit Bürgerkriegen und Unruheherden drüber - sie decken sich. Ebenso ist es mit der dritten Karte: Schwerpunkte des Drogenhandels. Wo all das zusammenpasst, da sind die amerikanischen Dienste nicht weit. Übrigens, die Bush-Regierung ist über die Familie Bin Laden eng mit dem Öl-, Gas- und Waffengeschäft verbunden.

Was halten Sie eigentlich von den Bin-Laden-Videos?

Wenn man es mit Geheimdiensten zu tun hat, darf man Manipulation in höchster Qualität unterstellen. Die Technik könnte Hollywood liefern. Ich halte die Videos als Beweismittel für ungeeignet.

Sie trauen dem CIA wirklich alles zu.

Die CIA hat sich im Interesse der Staatsräson der USA bei Interventionen im Ausland an kein Gesetz zu halten, ist dem Völkerrecht nicht verpflichtet, nur der Präsident befiehlt. Terror gibt es eben auch, weil es Dienste wie den CIA gibt. Und wenn da Mittel gekürzt werden, Frieden absehbar ist, dann geht irgendwo eine Bombe los. Damit ist bewiesen, dass es ohne die Dienste nicht geht, dass die Kritiker Quatschköpfe sind, nuts hat Vater Bush sie genannt, der mal Präsident und CIA-Direktor war. Sie müssen sehen, dass die USA 30 Milliarden Dollar in die Geheimdienste stecken und 13 Milliarden in die Drogenbekämpfung. Und was kommt dabei raus? Der Chef einer Spezialeinheit der strategischen Drogenbekämpfung erklärte nach fast 30-jähriger Dienstzeit verzweifelt: In jeder umfangreichen wichtigen Drogendealerei ist mir der Fall von der CIA aus der Hand gewunden worden.

Werfen Sie der Bundesregierung vor, wie sie nach dem 11. September reagiert hat?

Nein. Anzunehmen, in diesen Fragen sei die Bundesregierung unabhängig, wäre sicher naiv.

Herr von Bülow, was werden Sie nun tun?

Gar nichts. Meine Aufgabe endet damit, zu sagen: So kann es nicht gewesen sein, sucht nach der Wahrheit!

Mit Andreas von Bülow sprachen Stephan Lebert und Norbert Thomma

 

 

 

 

*** SÜDWESTRUNDFUNK

SWR2: Glaubensfragen - Manuskript

 

Der Kampf für das Gute

Religiöse Motive amerikanischer Politik

 

Autor: Hans-Eckehard Bahr

Redaktion: Holger Gohla

Sendung:  Sonntag, 19.01.2033, 12.05 Uhr, SWR2

 

Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.

Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen

Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

 

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1. Sprecher Der Sommer in Amerika ist 1966 besonders heiß. Zugleich

                eskalieren die Proteste gegen den Vietnam-Krieg. Tausende

              Menschen sind aufgebracht, seitdem sie auf der Mattscheibe

schon wochenlang entsetzliche Bilder sehen: Brennende

Menschen im Reisfeld oder Bombenteppiche auf radelnde

Vietnamesen.

2. Sprecher Ende Juni 1966 tritt Erich Fromm in der University of Chicago

auf. Der renommierte Sozialpsychologe ist eine moralische

Autorität ersten Ranges im damaligen Amerika. Leidenschaftlich

engagiert er sich für ein Ende dieses brutalen Geschehens.

1. Sprecher Professor Fromm deutet die Kriegsführung Amerikas als eine Art

Obsession. Die US-Führungsspitzen seien geradezu besessen

von der Idee, man müsse erst das Böse in fremden Ländern

ausrotten, um dann das Gute dorthin zu bringen.

2. Sprecher Erich Fromm prangert die Militärstrategie der Amerikaner in

Vietnam an: Das so genannte Bereinigen ganzer Landstriche, das         „Entlauben“ oder das Ausbrennen des Anderen, die Methode des

„search and destroy“. Der Gegner wird aufgespürt und zerstört.

Erich Fromm erkennt darin wesenhaft die Praxis der Ketzerver-

brennung. So gingen rigorose religiöse Sektierer auch in der

amerikanischen Frühzeit vor.

1. Sprecher Diese bezogen ihre Konflikt-Partner nicht kooperativ in ihre

                Auseinandersetzungen ein, sondern distanzierten sich streng

                     von ihnen. Denn Gegner erschienen ihnen substantiell böse, die

                fast schon die Berechtigung des Menschseins verwirkt hatten.

Ganz nach dem dualistischen Motto: Wer nicht für uns ist, der ist

gegen uns! In diesem Freund-Feind-Dualismus sieht Erich Fromm

                auch den modernen Sozialcharakter der USA.

2. Sprecher Das gleiche Schema findet sich – spiegelbildlich – auch auf der

                anderen Seite, im revolutionären   Sendungsbewusstsein der Nord-

                     vietnamesen. In deren Hass auf die westlichen Eindringlinge, im

                     eisernen Willen, die moralisch verabscheuten Amerikaner aus

                     dem eigenen Land wieder herauszujagen.

                Dieser Freund-Feind-Gegensatz der Vietnamesen ist freilich eher

                patriotischer als religiöser Natur.

1. Sprecher Das historische Modell dieser Schwarz-Weiß-Scheidungen

                beschreibt der Chicagoer Historiker Franklin Littell so:

                Schon 1650, kurz nach der Landung der strenggläubigen

                Pilgerväter an der Ostküste Amerikas, etablierte sich eine

                unduldsame Staatskirche von ungeheurer Strenge. Die anders-

                gläubigen Quäker wurden an Leiterwagen gefesselt und durch die

                Straßen von Boston gepeitscht. Frauen und Männern wurden die

                Kleider vom Leibe gerissen. Wer sich der puritanischen Staats-

                kirche nicht unterwarf, musste schwere Bestrafungen oder gar

                Verstümmelungen erleiden. Viele landeten schließlich auch am

                Galgen.

                Die religiöse Freiheit, die die Puritaner aus Europa kommend in

                Amerika suchten, galt eben nur für sie selbst, nicht jedoch für

                Andersgläubige.

2. Sprecher Diese theokratische Frühphase des Puritanismus ist Vergangen-

                heit. Längst ist die Religionsfreiheit in Amerika verfassungsmäßig

garantiert. Die Religionsgemeinschaften tolerieren einander. Doch

die Sekten-Mentalität der Freund-Feind-Sicht, die Gut und Böse

Unterscheidung, sind nicht endgültig überholt. Professor Littell

antwortet überraschend:

1. Sprecher „Die amerikanischen Kirchen bezahlen ihren enormen Auf-

                     schwung mit einem hohen Preis. Genau wie bei vielen anderen

                historischen Fällen erstaunlich schneller Kirchenausbreitung –

etwa den Taufen der (ostrheinischen) Germanenstämme im 9.

                und 10. Jahrhundert – haben die „neuen Christen“ Amerikas

                viele Züge ihrer vorchristlichen Lebensformen in die Kirchen

hineingetragen: Beispielsweise die Blutrache, das Gottesgericht

oder die Entscheidung durch Zweikampf“.

2. Sprecher   Erich Fromms Analysen in Chicago und Franklin Littels Beschrei-

                      bung der puritanischen Frühzeit Amerikas, sind Versuche, die

                      verborgenen Beweggründe kollektiven Verhaltens zu erkunden.

                      Sie sind den vor-rationalen Leidenschaften, den religiös geform-

                      ten Welt-Bildern auf der Spur.

1. Sprecher Jahre später ist an einer Häuserwand in New York zu lesen:

        „Unsere Glaubensüberzeugungen müssen verbunden sein mit

                einem Kreuzzugeifer, um die Schlacht für den Frieden zu

                gewinnen“.

2. Sprecher Lange vor George Bush’s Aufruf zum Kreuzzug gegen „das

                  Böse“ wird die Außenpolitik in Amerika auch religiös begründet.

              Grundlage hierfür ist eine Sekten-Religiösität, die Gute und Böse

                     für sauber trennbar hält, und wähnt, das Gute in die Welt bringen

zu müssen. Zuvor jedoch müsse das Böse ausgerottet werden.

1. Sprecher „Unsere Erfahrung ist, dass wir nicht nur uns, sondern auch die

                Welt retten können“. So Walter Russel Mead, Berater George                    Bush’s im Februar 2002.

2. Sprecher Solche Sätze lassen das alte Sendungsbewusstsein Amerikas

                     erkennen, das von Anfang an religiös geprägt ist. Noch Ende der

                60-er Jahre meinte die deutsche Linke, die Machtpolitik der USA

                lasse sich nur aus den wirtschaftlichen Gegensätzen herleiten.

Heute sehen viele Beobachter vor allem die Öl-Interessen der Amerikaner als politisches Leitmotiv. Doch Macht-Motive oder ökonomische Zwänge bestimmen offenbar die Politik der Nationen nicht allein, am allerwenigsten die der Vereinigten Staaten von Amerika.

1. Sprecher         Längst haben amerikanische und deutsche Historiker bis ins

                Detail analysiert: Nationaler Sendungsglauben und politisches

                     Missionsbewusstsein formen Denken und Handeln der amerika-

                     nischen Gesellschaft bis hinein in deren Auslegung des Völker-

                     rechts. Und nie ist von amerikanischer Machtpolitik das trans-

                     rationale, das religiöse Antriebsmoment einfach abzuziehen.

2. Sprecher Wer dies unterschätzt, wird schwerlich den Gang amerikanischer

Geschichte begreifen, sondern wird gerade die heutige Politik der

USA nur als kühle Machtpolitik deuten können und sie damit

europäisch missverstehen.

1. Spre