Kapitulation
gegen Existenzrecht; Oder Wer muss wessen Existenzrecht anerkennen ?
Kein Strom, kein Wasser. Israels Krieg gegen die
Zivilbevölkerung
Der französisch-jüdische Politologe und Publizist Alfred Grosser hat seine harte Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon erneuert. Die Regierung in Jerusalem müsse im Kampf gegen die Hisbollah umdenken. Jede israelische Bombe bringe mehr Libanesen an die Seite der radikal-islamischen Miliz.
Gespräch mit dem geschmähten israelisch-niederländischen
Militärhistoriker Martin van Creveld
"Wir
haben die Möglichkeit, die Welt mit uns zusammen untergehen zu lassen. Und ich
kann Ihnen versprechen, daß dies auch geschieht,
bevor Israel untergeht. Wir haben einige Hundert von Atomsprengkörpern und
Raketen und können sie auf Ziele überall werfen, vielleicht selbst auf Rom. Mit
Flugzeugen sind die meisten europäischen Hauptstädte ein Ziel.
Stellungnahme
von J. Gaarder aus Norwegen, "Sofies Welt"
" Wir
anerkennen nicht den Staat Israel." " Kleine israelische Mädchen sind
nicht niedlich, wenn sie vor Freude strahlen über Tod und Qual hinter den
Fronten"
Zbigniew Brzeziński Der Anfang vom Ende Israels

The Bush-Olmert
game of starving the Palestinian people
(Jalal
Al-Rifa'i, Ad Dustour,
5/18/06)

Der Grund, warum Israel Hamas fürchtet ist der,
dass Hamas wahrscheinlich kein vertrauensvoller Kollaborateur sein wird, der
sein eigenes Volk im Auftrag Israels unterwirft.
Von
John Pilger
Arthur
Miller schrieb: "Nur wenige von uns können den Glauben aufgeben, dass die
Gesellschaft irgendwie einen Sinn hat. Der Gedanke, dass der Staat seinen
Verstand verloren hat und dabei ist, so viele unschuldige Menschen zu strafen,
ist unerträglich. Also muss der Beweis dafür intern geleugnet werden."
Millers
Wahrheit wurde am 9. Juni im Fernsehen flüchtige Realität, nachdem israelische
Kriegsschiffe auf Familien, die am Strand von Gaza picknickten, geschossen und
7 Menschen getötet hatten, einschließlich drei Kindern und drei Generationen.
Dies stellt - das Problem der Palästinenser betreffend - schließlich eine
Lösung (final solution) dar, die mit der USA und
Israel abgestimmt ist. Während die Israelis Granaten auf palästinensische Picknicker und Häuser in Gaza und in der Westbank
abschießen, lassen beide Regierungen sie außerdem aushungern. Die Opfer werden
vor allem Kinder sein.
Am
23. Mai wurde vom US-Repräsentantenhaus mit 361 zu 37 Stimmen die Sperrung der
Hilfsgelder für NGOs genehmigt, die das Rettungsseil
für das besetzte Palästina darstellen. Israel hält palästinensische Steuern
zurück, die sich auf 60Millionen $ im Monat belaufen.
Solch
eine kollektive Strafe, die nach den Genfer Konventionen als Verbrechen gegen
die Menschheit betrachtet wird, erinnert an die Strangulierung des Warschauer
Gettos durch die Nazis und die amerikanische Belagerung des Irak in den 90er
Jahren. Wenn die Täter ihren Verstand verloren haben, wie Miller denken lässt,
scheinen sie ihr Barbarei zu verstehen und ihren Zynismus zu entfalten, wie
z.B. Dov Weißglas mit der "Idee, die
Palästinenser auf Diät zu setzen ." Er ist Berater des israelischen
Ministerpräsidenten, Ehud Olmert.
Dies
ist der Preis, den die Palästinenser für ihre demokratischen Wahlen im Januar
zahlen müssen. Die Mehrheit wählte die "falsche" Partei, die Hamas,
die die USA und Israel als Terroristen beschreiben - im Sinne von " ein
Esel schimpft den andern einen Esel" . Doch
Terrorismus ist nicht der Grund für die Aushungerung der Palästinenser, dessen
Ministerpräsident Ismail Haniyeh bestätigt hat, dass
Hamas sich verpflichtet, den jüdischen Staat anzuerkennen, wenn Israel sich an
das Völkerrecht hält und die Grenzen von 1967 respektiert. Israel verweigert
dies, weil es - wie die im Bau befindliche Apartheidmauer deutlich macht -
andere Absichten hegt: immer mehr palästinensisches Land zu übernehmen und
ganze Orte ja schließlich auch Jerusalem zu umzingeln.
Wunden,
die von Scharfschützen verursacht wurden
Der
Grund, warum Israel Hamas fürchtet ist der, dass Hamas wahrscheinlich kein vertrauensvoller
Kollaborateur sein wird, der sein eigenes Volk im Auftrag Israels unterwirft.
Tatsächlich war die Stimme der Wähler für Hamas eine Stimme für den Frieden.
Die Palästinenser hatten die Nase voll vom Versagen und der Korruption der
Arafat -Ära. Nach dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, dessen
Carter-Zentrum den Hamas-Wahlsieg beglaubigte, zeigten "die
Meinungsumfragen, dass 80% der Palästinenser ein
Friedensabkommen mit Israel wünschen."
Es
ist schon ironisch, wenn man den Aufstieg der Hamas betrachtet, der dank
geheimer Unterstützung Israels zustande kam, da dieses mit den USA und den
Britten wollte, dass Islamisten den säkularen Arabismus und dessen "moderate" Träume von
Freiheit unterminieren. Hamas weigerte sich, dieses Macchiavellsche
Spiel mitzuspielen und hielt trotz der vielen israelischen Angriffe 18 Monate
lang seine Feuerpause ein. Das Ziel des israelischen Angriffs auf den Strand
von Gaza war offensichtlich die Sabotage der Feuerpause. Das ist eine uralte
Taktik.
Nun
findet Staatsterror in der Art einer mittelalterlichen Belagerung statt und
trifft die Schwächsten. Für die Palästinenser ist ein Krieg gegen ihre Kinder
kaum etwas Neues. Eine 2004 veröffentlichte Feldstudie in einer britisch
medizinischen Zeitschrift berichtet, dass in den letzten vier Jahren "Zwei
Drittel der (von Israelis) getöteten 621 Kinder - an Checkpoints, auf dem Weg
zur Schule oder in ihren Häusern - durch kleine Waffen starben, die zur Hälfte
auf den Kopf, den Hals und die Brust gerichtet waren - es sind Wunden von
Scharfschützen. Ein Viertel der palästinensischen Kinder unter fünf sind akut
oder chronisch unterernährt. Die israelische Mauer wird 97 (Primary-)Gesundheitskliniken
und 11 Krankenhäuser von der Bevölkerung trennen, der sie dienen sollten."
Die
Studie beschreibt "einen Mann in einem jetzt eingemauerten Dorf nahe Qalqilia, als er sich mit seiner schwer kranken Tochter im
Arm einem Tor näherte und die Soldaten darum bat, ihn passieren zu lassen,
damit er sie ins Krankenhaus bringen könne. Die Soldaten verweigerten dies.
Gaza,
das nun wie ein Gefängnis abgesperrt ist und vom Lärm von die
Schallgeschwindigkeit durchbrechender Knallerei durch die israelische Luftwaffe
terrorisiert wird, hat eine Bevölkerung, deren Hälfte unter 15 Jahre alt ist.
Dr. Khalid Dahlan, ein
Psychiater, der einer Kinderklinik vorsteht, erzählte mir: "Nach der
Statistik, die für mich unerträglich ist, sind 99,4 % der Kinder, mit denen wir
es zu tun haben, traumatisiert ...99,2 % erlebten, wie ihr Haus bombardiert
wurde, 97,5 % waren Tränengas
ausgesetzt;
96,6 % waren Zeugen als geschossen wurde; ein Drittel sah, wie
Familienmitglieder oder Nachbarn verletzt oder getötet wurden."
Diese
Kinder leiden unvermindert an Alpträumen und "Nachtterror", und sie
müssen sich weiterhin mit eben diesen Situationen auseinandersetzen. Einerseits
träumen sie davon, Doktor und Krankenschwester zu werden, "damit sie
andern helfen können"; andrerseits wird dieser Wunsch von einer
apokalyptischen Vision überholt, dass sie die nächste Generation der
Selbstmordattentäter seien. Sie machen konstant nach israelischen Angriffen
diese Erfahrung.
Für
einige Jungen sind nicht mehr Fußballspieler die Helden, sondern eine
Verbindung des palästinensischem "Märtyrer" mit dem Feind, "weil
israelische Soldaten stärker sind und Apachen-Kanonenboote
haben."
Dass
diese Kinder nun darüber hinaus noch weiter gestraft werden, mag menschlichen
Verstand übersteigen, aber da liegt eine gewisse Logik drin. Jahrelang haben
Palästinenser es vermieden, in den Abgrund eines Bürgerkrieges zu fallen, wohl
wissend, dass es genau dies ist, was Israel wünscht. Indem sie nun ihre
gewählte Regierung zerstören, versuchen sie, eine parallele Regierung um den
palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas
aufzubauen ...die Folge: eine anarchistische Gesellschaft ... beherrscht von
verzweifelten Milizgruppen, Banden, religiösen Ideologien, zerbrochen in
ethnische und religiöse Clans und Kollaborateure. Schauen wir auf den Irak von
heute: das ist es, was Sharon für uns auf Lager hatte,"
schrieb der Oxforder Akademiker und Palästinenser Karma Nabulsi.
Der
Kampf in Palästina ist ein amerikanischer Krieg, der von Amerikas schwerbewaffneter Militärbasis, Israel, aus geführt wird.
Wir im Westen sollten über den israelisch-palästinensischen
"Konflikt" nicht in dieser Weise denken, so wie wir über die Israelis
als Opfer, aber nicht als illegale und brutale Besatzer denken sollten. ...doch
ohne F-16-Bomber und die Apachen-Hubschrauber und die
Milliarden Dollars amerikanischer Steuerzahler, hätte Israel längst mit den
Palästinensern Frieden gemacht. Seit dem 2. Weltkrieg hat die USA Israel 140
Milliarden $ gegeben, den größten Teil für die militärische Ausrüstung. Nach
dem Kongress-Forschungsdienst waren in demselben "Hilfsbudget" 28
Millionen $ "Hilfe für palästinensische Kinder eingeschlossen, die unter
dieser Konfliktsituation leiden", um ihnen mit "grundlegender erster
Hilfe" beizustehen. Diese Hilfe wurde jetzt auch gestrichen.
Karma
Nabulsis Vergleich mit dem Irak ist treffend, denn
dieselbe "Politik" wird dort angewandt. Die Aufbringung von Zarqawi war ein wunderbarer Medien-Event. Die Philosophin
Hanna Arendt nannte dies eine "Aktion als Propaganda" und hat wenig
mit der Realität zu tun. Die Amerikaner... haben ihren Dämon in die Luft gesprengt.
Die Wahrheit ist, das Zarqawi größtenteils ihre
Schöpfung war. Seine offensichtliche Tötung diente einem wichtigen
Propagandazweck, der uns im Westen vom amerikanischen Ziel, den Irak wie
Palästina in eine ohnmächtige Gesellschaft von ethnischen und religiösen
Clans/Stämmen umzuwandeln, ablenken soll. Todesschwadronen, die von Veteranen
der CIA in Zentral-Amerika ausgebildet und trainiert werden, sind dafür
wichtig. Der Mord an Zarqawi und die Mythen über
seine Bedeutung lenken auch von den Massakern der US-Soldaten ab, wie das in Haditha. Sogar der Marionetten-Präsident Al-Maliki beklagt das mörderische Verhalten der US-Truppen
als tägliches Geschehen...
Dies
ist als "Befriedung" bekannt. Die Asymmetrie eines befriedeten Irak
und eines befriedeten Palästina ist klar. Wie in Palästina geht der Krieg im
Irak gegen Zivilisten, meist gegen Kinder. Nach UNICEF war der Irak einmal das
Land mit dem höchsten Indikator für das Wohlbefinden der Kinder. Heute leidet
ein Viertel aller Kinder zwischen ½ und 5 Jahren an akuter oder chronischer
Unterernährung, schlimmer als in der Zeit der Sanktionen. Armut und Krankheit
nehmen mit jedem Tag der Besatzung zu.
Im
Britisch besetzten Basra ist "die
Kindersterblichkeit um 30 % angewachsen, verglichen mit der Saddam
Hussein-Ära" ( nach Saving
Children from War, einer EU
-Hilfsagentur).
Sie
sterben, weil die Krankenhäuser keine Ventilatoren haben und das Wasser
verschmutzt ist .... Die Kinder werden Opfer von nicht
explodierten britischen und US- Clusterbomben. Sie spielen in Gegenden, die von
abgereichertem Uran verseucht sind(und Krebs/Leukemie
verursacht). Im Gegensatz dazu bewegen sich brit. Überwachungsteams dort nur
mit vor Strahlung schützenden speziellen Ganzkörper-Anzügen mit Gesichtsmasken
und Handschuhen. ...Das Verteidigungsministerium nennt dies einen "vollen
biologischen Test."
Hatte
Arthur Müller recht? Wird dies alles intern
dementiert? Oder hören wir auch auf entferntere
Stimmen?
Bei
meinem letzten Aufenthalt in Palästina wurde ich beim Verlassen von Gaza mit
einem Schauspiel palästinensischer Flaggen von innerhalb des ummauerten
Gebietes belohnt. Kinder waren dafür verantwortlich. Keiner hatte sie dazu
aufgefordert. Sie machten Fahnenstangen aus zusammengebundenen Stöcken,
kletterten auf eine Mauer und hielten die Fahnen ruhig zwischen sich. Wohl im
Glauben, dass sie der Welt erzählen werden.
(Dieser
Artikel erschien zuerst in New Statesman - seine
Website:
15.06.2006
(dt.
Ellen Rohlfs)
Kapitulation gegen Existenzrecht
Kathleen Christison, Counterpunch, 30.5.06
Ehud Olmert äußerte sich bei
einer gemeinsamen Sitzung am 24. Mai gegenüber dem Kongress, er sei mit der tiefen Überzeugung aufgewachsen,
das jüdische Volk müsse niemals irgend einen Teil des Landes der Urväter
aufgeben: „Ich glaubte und glaube es noch heute, dass es das ewige und
historische Recht unseres Volkes sei, das ganze Land zu besitzen.“
Er räumte dann ein, dass
Träume allein keinen Frieden bringen und
Israel keinen sicheren demokratischen Staat erhalten können. Was aber in diesem
wenig beachteten Statement über jüdische Verbindung zu diesem Land deutlich hervortrat, ist die Bestätigung
eines obersten jüdischen Rechtes auf ganz Palästina, ganz gleichgültig, wer
sonst noch dort lebt. Im Kontext
irgendwelcher Hoffnung auf ein gerechtes und unparteiisches
Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinensern, wäre dies ein
Geschäftsbrecher par excellence – also Verrat.
Im Licht dieser offiziellen
israelischen Ansicht, das jüdische Volk habe ein „ewiges und historisches Recht
auf das ganze Land“, ist man über die
Heuchelei der Forderung erschrocken, die
Palästinenser müssten Israels
Existenzrecht anerkennen, bevor jemand
mit ihnen verhandelt und bevor sie der zivilisierten Gemeinschaft der Völker
hinzugefügt werden können. So wurde universell von Israel, der EU und dem größten Teil der internationalen
Gemeinschaft deutlich behauptet. Bedeutet diese Forderung, dass Palästinenser
Israels Existenzrecht anerkennen, dass sie “Israels Recht auf das ganze Land“
anerkennen müssen, so wie es Olmert definiert hat?
Und falls dies der Fall ist , wie kann den Palästinensern möglicherweise
versichert werden, selbst wenn Israel
ihnen großzügig einen „Staat“ oder ein Bantustan in
einem Teil des ganzen gewährt , der
ihnen Israel zu einem späteren
Zeitpunkt wieder abgenommen wird, da Juden ein ewiges und historisches Recht auf dieses ganze Land haben . Warum sollte irgend jemand glauben, dass
eine israelische Konzession von Land auf Dauer sei?
Olmerts Geltendmachung
dieses all-umfassenden jüdischen „Rechtes“ ist
sicher kein neues Kennzeichen des israelischen und zionistischen Dogmas. Der
Gedanke lag dem Zionismus von Anfang an zugrunde, zuweilen verborgen hinter
einem linken Anstrich von Anpassung an
die Realität der palästinensischen Präsenz
in diesem heiligen Land , aber nie sehr tief unter der Oberfläche. Der
zionistische Glaube an eine jüdische
Überlegenheit ist niemals wirklich verborgen worden. Ich begegnete dieser primitiven Form vor ein
paar Jahren. Kurz nachdem die Intifada 2000 begann, schrieb mir ein Bekannter – kein
Freund, aber ein verärgerter Fanatiker, der immer Israels Fall offen
debattierte, jüdische Interessen lägen über denen der Palästinenser – eine
Email, in der er schloss, da es
einfach nicht genügend Platz für Juden
und Palästinenser in Palästina gäbe, sollten die Palästinenser zurück nach
Jordanien gehen, wo sie hergekommen seien
und Palästina den Juden überlassen, denen es ja gehöre, und die es
dringend als Heimat brauchen. ( Die irrtümliche Vorstellung, dass die
Palästinenser aus Jordanien kommen, ist ein das Gewissen reinigender Kniff der
zionistischen Vorstellung, um zu „beweisen“, dass die Palästinenser
ursprünglich nicht aus Palästina kommen, sondern einfach Eindringlinge in einem jüdischen Land
sind, und deshalb würde ihnen kein
Schaden zugefügt, wenn sie dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.) Ich
sagte ihm, dass er unrecht
habe und vollkommen unmoralisch sei – ich fürchte, dies wird sein Gewissen
nicht besonders belasten- es führte aber, glücklicherweise, zum Ende
unseres Briefwechsels.
Die besondere Behauptung, die
dieser besondere Mann vorbrachte, drückte
ungeschminkteren Rassismus aus als die meisten
Unterstützer Israels zugeben würden – tatsächlich spiegelt seine Position die offizielle Ansicht der israelischen
Regierung und der US-Regierung wieder, die sie unterstützt. Letzten Endes enthält
seine Position, die identisch ist mit der von Olmert,
das Wesen des Zionismus und bestimmt die Basis der US-Politik gegenüber Israel
und des Zionismus seit 58 Jahren also noch vor der Staatsgründung. D.h. dass
Israels Interessen als jüdischer Staat und Israels „Rechte“ immer Vorrang haben
– ohne Rücksicht auf die Interessen und Rechte der Palästinenser und dass
palästinensische Bedürfnisse nur dann
berücksichtigt werden, wenn sie nicht mit denen der israelischen kollidieren
oder die Palästinenser den israelischen Forderungen nachgeben. Im Grunde ist
dies eine Politik, die sich auf die
Annahme gründet, dass es „ in Palästina
einfach keinen Raum für beide Völker gibt, für die Juden und die Palästinenser“ und dass es nur eine einzige Lösung auf
Dauer für die Palästinenser gibt, in irgend einer Weise zu verschwinden. Es ist wie der
PLO-Botschafter Afif Safieh in den USA
gerne sagt: „Israel wünscht die palästinensische Geographie aber nicht
ihre Demographie – das Land aber nicht das Volk.
Dieses palästinensische
Verschwinden kann nach israelischer
Kalkulation auf verschiedene Weise erfüllt werden. Zunächst könnten sie,
veranlasst werden, ganz Palästina zu verlassen; Israel hat seit seiner
Entstehung mit verschiedenen Versionen auf diese Option hin gearbeitet:
Direkte Vertreibung, wie sie
1948 geschah, oder ein „freiwilliges“ Weggehen, indem man das Leben
unerträglich macht, wie es heute geschieht – als den besten Weg, sich selbst
vom palästinensischen „Problem“ zu befreien. Oder – als zweite Option – die
Palästinenser könnten gezwungen werden, sich zu unterwerfen; das ist das Schicksal der 20%
der israelischen Bevölkerung, die palästinensisch ist und es war das Schicksal
der Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen während der ersten
zwanzig Jahre der Besatzung, als sie ruhig unter israelischen Kontrolle waren. Diese
Möglichkeit ist jedoch vom israelischen Standpunkt aus nicht mehr machbar, da
in absehbarer Zeit es mehr Palästinenser als Juden in Palästina gibt, was den
Zwang zur Unterwerfung für einen Staat unwahrscheinlich macht, der behauptet,
ein demokratischer Staat zu sein .Dann gibt es noch eine 3. Option: die
Palästinenser könnten in eine politische Unterwürfigkeit gebracht werden, die sie aus Verzweiflung
dahin führt, sich jeder Bedingung Israels zu unterwerfen. Genau das war es, was
Yassir Arafat beim Unterzeichnen des Oslo-Abkommens
tat und mit der Anerkennung von Israels Existenzrecht. So gab er alle
Verhandlungspunkte der Palästinenser aus
der Hand, ohne dafür irgend ein Vereinbarung von
Israel zu bekommen als Verhandlungen zu führen.
Da die 3. Option in Camp
David im Jahr 2000 in sich zusammenstürzte, ist Israel wieder zur 1. Option
zurückgekehrt. Der Oslo-Prozess
scheiterte im Wesentlichen daran,
dass Arafat im letzten Augenblick aufwachte, nachdem Israel versucht hatte, ein
total ungenügendes Endabkommen zu erzwingen, und er sich weigerte, mit einer
kompletten Kapitulation sich beschwichtigen zu lassen. Seit Arafats Aufwachen
verfolgt die israelische Agenda - rückhaltslos unterstützt von den USA und etwas weniger vom
übrigen Westen - wieder die Option eins: man versucht auf die eine oder andere
Weise, die Palästinenser dahin zu bringen, Palästina zu verlassen – mit anderen
Worten, man versucht, die Palästinenser zur Kapitulation zu zwingen, zu
Bedingungen, die totale jüdische Überlegenheit voraussetzt.
Die USA und der Westen
arbeiten sehr daran, Israel bei der Kapitulation der Palästinenser zu helfen. Während diese unter dem
augenblicklichen Finanzboykott der Internationalen Gemeinschaft hungern, setzen die Chefs der Medien wie die
Washington Post noch eines darauf: den palästinensischen Opfern die Schuld
dafür zu geben. „Die palästinensischen Führer haben eine lange Tradition,“ so kürzlich die
W-Post in einem Editorial über die Hilfsgelder-Krise, „das Leiden ihres eigenen
Volkes für politische Ziele auszunützen;
Hamas sei zufrieden gewesen, die humanitäre Krise in der Westbank und im
Gazastreifen zu fördern.“. Auch wenn die Logik dieser Beschuldigung, dass die
Palästinenser ihre Katastrophe selbst verursacht haben, weil sie es
unterlassen haben, so zu wählen wie die Washington Post und Israel es wollten,
und weil die Hamas sich weigert, Israels Diktat nachzugeben, nicht sofort klar ist, so hilft sie zu verstehen.
dass die grundlegende Annahme Israels
und seiner Unterstützer in den USA die ist, dass Israels Forderungen und Rechte
immer den Vorrang haben und die Palästinenser nur dann annehmbar sind, wenn sie
diese anerkennen.
Kurz nach der Hamas-Wahl im Januar
stellte
Diese Methode – tu,-was-ich-sage-oder
- charakterisiert jetzt die Stellungnahmen Israels und des Westens
gegenüber den Palästinensern und setzt über die Forderung in Kenntnis,
dass Hamas Israels Existenzrecht
anerkennen müsse. Bei einer Pressekonferenz am 23.Mai
mit Olmert schalt Bush die Palästinenser und
erklärte, dass von keinem Land ( in diesem Fall Israel) erwartet werden kann,
dass es Frieden mit denen macht, die ihr Existenzrecht leugnen. Doch von den
Palästinensern selbst wird erwartet, dass sie Frieden mit denen machen, die
ihnen das Existenzrecht als Nation verweigern. Bush sieht hier keinen
Widerspruch, weil er nicht an der sich
anmaßenden Vorherrschaft von Israels
Rechten in Palästina vorbeisehen kann.
Die Hamas-Wahl und die
israelische und westliche Reaktion darauf, hat tatsächlich zwei grundlegende
Probleme aller Friedensverhandlungen
offen gelegt, die Israel und die USA während der letzten Jahrzehnte
formulierten: den Palästinensern war es erlaubt worden, daran teilzunehmen
- es war ihnen überhaupt keine Rolle bei Versöhnungsbemühungen gegeben
worden – nur wenn sie mit Israels Forderungen übereinstimmten. Aber diese
Hauptforderung an die Palästinenser ist ein fundamentales Hindernis zu jeder
wirklichen Lösung des Konfliktes. Die
Hartnäckigkeit, dass die Palästinenser „Israels Existenzrecht anerkennen
müssen“ bedeutet für Israel und die USA nicht einfach, dass die Palästinenser
schwören müssen, die Juden nicht ins Meer zu werfen .
Solch drastische Schritte zu unternehmen, würden nicht einmal die militantesten
Islamisten. Es bedeutet vielmehr die Anerkennung von
Israels moralischer Rechtmäßigkeit. Für einen Palästinenser bedeutet dies, dass
Israel richtig gehandelt hatte, als es
die Palästinenser vertrieb, ihre Häuser
und ihr Land nahm.
Diese Forderung ignoriert die Realität, dass Israel als ein spezifisch jüdischer Staat in einem Land mit überwiegend nicht-jüdischer Bevölkerung errichtet wurde und dass die Erhaltung der jüdischen Mehrheit die Vertreibung von einem großen Teil dieser nichtjüdischen Mehrheit bedeutet. Um George Bush frei zu zitieren, kann von keinem Volk erwartet werden, dass mit ihm Frieden gemacht wird oder seine moralische Rechtmäßigkeit anerkannt wird, wenn dieses versucht hat und noch weiter versucht, es zu zerstören. Die Forderung der palästinensischen Anerkennung von Israels moralischer Rechtmäßigkeit setzt eine Priorität Israels über palästinensische Interessen bei Friedens-verhandlungen voraus, die total jeden Verhandlungsprozess unterminieren, der beiden Seiten Gerechtigkeit bringen soll. Die palästinensische Anerkennung kann nicht die zentrale Voraussetzung für irgend einen Friedensprozess sein – zwangsmäßig akzeptiert noch bevor der Prozess beginnt – solange Israel sich weigert, ein ähnlich moralisches Recht der Palästinenser anzuerkennen.
1988 erkannte die PLO Israels
Existenzrecht als eine Bedingung für
ihre Teilnahme an Friedensverhandlungen an, aber jeglicher palästinensischen Verpflichtung, an dieser Anerkennung festzuhalten, ist mit
einer Weigerung Israels, eine entsprechende Anerkennung der palästinensischen
Existenz anzubieten, begegnet worden.
Die schwerwiegende Ungerechtigkeit, die den Palästinensern 1948 und in den
Jahrzehnten danach zugefügt wurde, ist nie wieder gut gemacht worden – und dies
muss das Hauptthema eines Verhandlungsprozesses werden. Aus genau diesem Grund,
dass es keinen palästinensischen Staat
gibt, sollte der Hauptkern jeglicher Verhandlung nicht der sein, dass Israels
Rechtmäßigkeit anerkannt wird, sondern die Anerkennung des palästinensischen Rechtes zu existieren
als ein unabhängiger, lebensfähiger, souveräner Staat. Israel besteht und ist in keiner Gefahr. Die
dauernde Sorge um seine Existenz und die dauernden Forderungen, dass die Palästinenser ihn als jüdischen
Staat anerkennen, ohne eine entsprechende Forderung an Israel bestätigt, dass
die jüdischen Rechte übergeordnet sind. Dies ist eine grundsätzlich ungerechte
und unmoralische Vermessenheit in den internationalen Beziehungen, wie in allen
menschlichen Beziehungen. Weder Israel
noch die USA werden jemals Frieden haben, solange Israel nicht dahin gebracht wird, das Volk, das es
in Palästina verdrängt hat, als Gleichberechtigte im Land anzuerkennen.
Kathleen Christison
ist frühere politische Analytikerin der CIA gewesen und arbeitete seit 30
Jahren über Nahostprobleme
. Sie ist
die Autorin von „ Perceptions of Palestine and the
Wound of Dispossession”. Kathy.bill@christison-santafe.com
(dt. und *Untertitel : Ellen
Rohlfs)
F.A.Z., 01.07.2006
Von Jörg Bremer
JERUSALEM, 30. Juni. Der israelische Ministerpräsident Olmert hat in den zurückliegenden Tagen beteuert, bei den
militärischen Operationen im Gazastreifen und der Befreiung des israelischen
Soldaten gehe es nicht darum, die palästinensische Zivilbevölkerung zu
bestrafen. Tatsächlich aber geschieht das, obwohl die Genfer Konvention bei
Kriegshandlungen jede "Kollektivstrafe" verbietet.
Vor drei Jahren hatte Israel mit der palästinensischen Autonomiebehörde vereinbart, daß die Energieversorgung von dem Konflikt unberührt bleiben solle. Gegen diese Übereinkunft hat Israel jetzt verstoßen. Die Luftwaffe hat mit gezielten Angriffen die sechs Generatoren des einzigen palästinensischen Elektrizitätswerkes südlich von Gaza zerstört. In der folgenden Nacht versuchte die Armee, auch noch die Hauptleitung zu zerstören. Die Operation schlug fehl.
Mehr als 700000 Palästinenser sind dem Vernehmen nach derzeit ohne
Strom. Das kommt im heißen Sommer freilich nicht nur dem Ausfall der
Klimaanlage gleich. 130 Brunnen arbeiten mit Strom und können nun kein Wasser
pumpen. Da Israel auch die Lieferung von Diesel blockiert, werden bald auch die
mit diesem Treibstoff betriebenen Pumpen nicht mehr arbeiten. In vielen
Krankenhäusern stehen seit Anfang der Woche die elektrisch betriebenen Geräte
nicht mehr. Den wenigen dieselbetriebenen Notstromaggregaten dürfte bald der
Treibstoff ausgehen. Dann wird auch die ärztliche Notversorgung unterbrochen
werden müssen. Wer als Diabetiker Insulin spritzen muß,
wird bald zu leiden haben; denn Insulin muß kühl
gelagert werden. Wer noch einen Fisch im Kühlschrank hat, muß
ihn nun essen, bevor er verdirbt.
Die Zahl der durch die Zerstörung des Elektrizitätswerks betroffenen
Arbeitskräfte ist schwer einzuschätzen. Zahlreiche Werkstätten sind
geschlossen. Und schnell läßt sich das israelische
Zerstörungswerk nicht ausgleichen. Selbst wenn sofort sechs neue Generatoren
bereitstünden: Die Techniker sagen, sie bräuchten sechs Monate, bis die
Stromversorgung wieder störungsfrei funktionieren wird.
Das Elektrizitätswerk im Süden von Gaza war mit Hilfe des amerikanischen
Enron-Konzerns Ende der neunziger Jahre errichtet und
2001 in Betrieb genommen worden. Es hätte wohl den gesamten Gazastreifen
versorgen können, doch der Norden wurde weiterhin von Israel mit Strom
beliefert. Daher war das Werk nur zu sechzig Prozent ausgelastet. Unvergessen
sind die Augenblicke, in denen hoher, aber offenbar in Israel mißliebiger Besuch bei PLO-Chef Arafat in Gaza dadurch
gestört wurde, daß unvermittelt das Licht ausging.
Womöglich sah es Israel ungern - darauf läßt der
lange Genehmigungsprozeß des Elektrizitätswerks
schließen -, daß sich die Autonomiegebiete mit
amerikanischer Unterstützung aus der Abhängigkeit befreiten.
Die Abhängigkeit der Palästinensergebiete von Israel ist nicht auf
Elektrizität beschränkt. Weil Israel den Grenzpunkt Karni
trotz der von der amerikanischen Außenministerin Rice
im November vereinbarten Regelung häufiger geschlossen hielt, als es die
Sicherheitslage erforderte, konnte die Landwirtschaft rund um die von den
israelischen Siedlern hinterlassenen Gewächshäuser nicht florieren. Die
israelischen Produzenten mußten sich also keiner
Konkurrenz erwehren, aber in den palästinensischen Gebieten bildete sich kein
Unternehmertum, das die Gesellschaft dem Islamismus entfremden könnte.
Auch palästinensische Arbeitskräfte können seit Tagen nicht mehr ihre
Arbeitsplätze in Israel erreichen. Alle Grenzübergänge sind blockiert. Die
Verarmung schreitet voran und stärkt den Extremismus. Auch warten dieser Tage
viele tausend Palästinenser im ägyptischen Rafah, um
in den Gazastreifen zurückzukehren.
Israel hat außer dem Elektrizitätswerk auch eine Brücke zerstört, unter der
eine Hauptwasserleitung verläuft, die den Norden mit dem Süden verbindet. Wer
keinen eigenen Brunnen hat (sie führen allerdings meist versalzenes
Wasser) oder nicht noch über Zisternen mit Regenwasser verfügt, der ist heute
auch ohne fließend Wasser. Man spricht von mehr als
einer Million Palästinensern.
INTERVIEW: DOROTHEA HAHN
taz vom
20.7.2006
taz: Herr Gresh, wie erklären Sie das aggressive
israelische Vorgehen?
Alain
Gresh: Das
ist Teil einer Eskalation, die schon vor langer Zeit begonnen hat. Israels will unilateral Grenzen für die Zukunft des
israelischen Staates fixieren. Und jede Form von Widerstand gegen seine
Dominanz brechen. Nicht nur den militärischen, sondern auch den Widerstand in
den Köpfen. Getreu dem alten kolonialen Sprichwort: "Die Araber verstehen
nur die Gewalt."
Sie
betrachten das als lang vorbereitete Aktion. Nicht als Reaktion auf die
Soldaten-Entführung?
Es
gibt keinen Zusammenhang mit den Entführungen. Im Fall von Gaza wissen wir genau,
dass das lange vor der Entführung geplant war. Davon spricht auch die
israelische Presse. Und im Libanon geht die israelische Regierung nicht zu
Unrecht davon aus, dass sie die USA hinter sich hat. Das ist nicht neu. Aber
jetzt unterstützen auch die meisten europäischen Länder die israelische
Regierung. Das Kommuniqué der EU vom Montag enthält keinerlei Verurteilung der
israelischen Aktion. Das ist völlig neu. In diesem Kontext hat Israel freie
Hand im Libanon.
Aber
im Inneren der EU gibt es Unterschiede. Nicht alle Mitgliedsregierungen
reagieren so unentschieden wie Berlin.
Global
gibt es die Haltung, Israel habe das Recht, sich zu verteidigen. Dabei ist
Israel der Angreifer. Das ist eine seltsame Situation. Wir befinden uns im 40.
Jahr der Besatzung von Gaza und dem Westjordanland. Trotz Dutzender von
Verurteilungen durch die UN geht die Politik der Beschlagnahmung von Land
weiter.
Also
ist Krieg das richtige Wort für diesen Konflikt?
Das
ist ein echter Krieg. Aber zwischen zwei Protagonisten, die nicht über
dieselben Mittel verfügen. Am gefährlichsten ist, dass es in Washington eine
Reihe von Leuten gibt, die den Konflikt ausdehnen möchten. Auf Syrien und
einige auch auf den Iran.
Hat
auch Israel diese weitergehenden Absichten?
Die
Leitartikler in den USA und in Israel, und zwar nicht nur die neokonservativen,
meinen, dass die demokratische Welt einer Allianz des Bösen gegenübersteht, die
durch die Hamas, die Hisbollah, den Iran und Syrien repräsentiert wäre. Sie
wollen von der aktuellen Lage profitieren, um diese Allianz zu zerstören. Für
sie ist dieser Konflikt Teil des Vorgehens gegen den Terrorismus. Die reale
Basis des Konflikts - die Besatzung von Palästina und die Zerstörung des
Libanon - betrachten sie als zweitrangig.
Sie
meinen, dass die Bomben auf den Libanon mit den USA abgesprochen waren?
Grünes
Licht hat Israel auf jeden Fall bekommen. Das sage nicht ich, sondern das sagen
US-Kommentatoren. Dieses grüne Licht gilt auch jetzt noch. Die Amerikaner sind
gegen einen sofortigen Waffenstillstand. Sie wollen erst einmal die Israelis
die Arbeit erledigen lassen.
Welche
Rolle spielt Gaza?
Gaza
ist interessant, weil seine Evakuierung vor einem Jahr als mutige Geste Israels
galt. Jetzt sieht man, dass das ein taktisches Manöver war. Gaza ist ein großes
Gefängnis geworden - mit Gefangenenwärtern, die sich außerhalb des Gefängnisses
befinden und die Möglichkeit haben, zu bombardieren. Gaza hat keinen Zugang zur
Außenwelt. Aus Israels Versprechungen - zum Beispiel eine Route zwischen Gaza
und dem Westjordanland - ist nichts geworden. Freier Warenverkehr ist nicht
mehr möglich. Es gibt Zerstörungen. Und die Zivilbevölkerung ist Geisel.
Welchen
Einfluss hat die EU-Politik auf die Eskalation?
Die
Eskalation hat viel mit der Annäherung der EU an die USA und Israel zu tun.
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Erweiterung der EU auf 25 Mitglieder,
die dafür gesorgt hat, dass Länder in die EU eingetreten sind, die proisraelischer sind. Dann die Wende in der französischen
Politik zugunsten Israels. Dann die innere Spaltung der EU. All das trägt zur
Marginalisierung der Politik der EU bei.
Hat
der Boykott der palästinensischen Regierung die Eskalation beschleunigt?
Ja.
Denn die Suspendierung der Direkthilfe hat die materiellen Verhältnisse der
Palästinenser verschlechtert und so die Extremisten gestärkt.
Sie
sprechen von einer Wende in der französischen Nahostpolitik. Aber aus Paris
sind am Montag der Premierminister und der Außenminister doch in den Libanon
gereist.
Es
gibt eine besondere französische Beziehung zum Libanon. Frankreich hat ziemlich
viel beim Wiederaufbau des Libanon finanziert. Frankreich hat auch eine Rolle
beim Zustandekommen der UN-Resolution 1559 (die Auflösung der bewaffneten Milizen
im Libanon, A. d. Red.) gespielt und bei dem Rückzug der syrischen Truppen.
Paris will zeigen, dass es präsent ist. Aber man spürt kein echtes Engagement
mehr. 1996, als Israel unter Schimon Peres den Süden des Libanon bombardiert
hat, ist der damalige Außenminister Hervé de Charette hingefahren, hat den Angriff klar verurteilt und
gesagt: Ich bleibe bis zum Waffenstillstand. Er war zwei Wochen in der Region.
Hat Verhandlungen zwischen Syrien, Hisbollah und Israel geführt. Heute haben
wir keinen Kontakt mehr mit Syrien. Und nur noch sehr wenig zur Hisbollah. Auch
Frankreich betrachtet jetzt die Hamas und die Hisbollah als
Hauptverantwortliche der Eskalation. Und hat auch der Suspendierung der
Direkthilfe für die palästinensische Regierung zugestimmt.
Was
hat die Wende in der französischen Nahost-Politik ausgelöst?
Es
gibt viele Gründe. Zuvorderst die Krise der französischen Politik, die nichts
mit dem Nahen Osten zu tun hat, aber jede Politik schwierig macht. Dann gibt es
die Sorge vor den Konsequenzen der französischen Position vom Jahr 2003.
Frankreich will auf jeden Fall die Beziehungen zu den USA wiederherstellen.
Bezogen auf den israelisch-palästinensischen Konflikt waren viele französische
Spitzenpolitiker schwer getroffen durch den Vorwurf, Frankreich sei
"antisemitisch". Heute fährt keiner von ihnen mehr in die USA, ohne
die amerikanischen jüdischen Organisationen zu treffen.
Man
darf also aus Paris keine Alternative zur Nahostpolitik der USA erhoffen?
Ich
glaube es nicht.
Was
muss geschehen, um diesen Krieg zu beenden?
Ich
befürchte, die EU und die USA sind so stark auf der israelischen Linie, dass es
noch weitere Eskalationen geben muss, bevor es zu einer klaren Verurteilung
durch diese Gemeinschaft kommt.
Das
ist hart.
Sehr
hart.
Der französisch-jüdische Politologe und Publizist Alfred Grosser hat seine harte Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon erneuert. Die Regierung in Jerusalem müsse im Kampf gegen die Hisbollah umdenken. Jede israelische Bombe bringe mehr Libanesen an die Seite der radikal-islamischen Miliz.
Scholl: Trotz vieler diplomatischer Bemühungen
wird weiterhin im Libanon gekämpft. Die Meinungen über das Vorgehen Israels
sind geteilt. Jedermann versteht das Recht auf Selbstverteidigung, dennoch ist
der militärische Effekt der Bombardements gering. Hunderte von Zivilisten sind umgekommen,
Zehntausende auf der Flucht. Dazu sagt der Politologe und Publizist Alfred Grosser, zu lesen in einem Interview der
"Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", Israel begeht im Libanon nichts
anderes als Kriegsverbrechen. Er ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Grosser.
Grosser: Guten Tag.
Scholl: Sie sind jüdischer Abstammung, Herr Grosser?
Grosser: Ja, völlig, nach Hitler bin ich 100 Prozent Jude, ja.
Scholl: Ein sehr prominenter und renommierter
europäischer Intellektueller, dessen Wort Gewicht hat. Man wird es auch in
Israel hören, was wollen Sie erreichen?
Grosser: Erreichen, dass man in Deutschland aufweckt, dass man
nicht mehr sagt, es gibt diplomatische Bemühungen, sondern dass man sagt: Warum
schweigt Europa? Bush steht völlig hinter Israel, aber Europa soll an solchen
Verbrechen an Libanon nicht schweigen und sagen, dass das überhaupt nicht
gelten kann, dass man ein Land zerstört, dass man Städte zerstört,
Elektrizitätswerke zerstört, Flughafen zerstört, Schiffe nicht in den Hafen reinlässt, nur alles, weil man sagt, man sei im Krieg mit
der Hisbollah.
Scholl: Die Hisbollah im südlichen Libanon hat
Israel permanent attackiert. Die Entführung der israelischen Soldaten haben für die Regierung das Fass zum Überlaufen gebracht.
War, Herr Grosser, eine scharfe Reaktion nicht
erwartbar? Trägt die Hisbollah nicht auch mit Verantwortung für die Eskalation?
Grosser: Ja natürlich, aber werden Sie sagen, zum Beispiel,
Entführung von Soldaten, wenn es Krieg ist, dann sind das Kriegsgefangene, die
auszutauschen sind gegen andere Kriegsgefangene. Wenn es kein Krieg ist, wieso
dann diese Bombardierung? Dann sind es Geiselnahmen. Aber es ist Geiselnahme
nur, wenn es keinen Krieg gibt.
Scholl: Wir in Deutschland fühlen uns
verständlicherweise unsicher. Wir stehen auf der Seite Israels gegen den
Terror, aber natürlich finden wir Bomben, die Zivilisten treffen, entsetzlich.
Sie haben es schon angedeutet, aber inwieweit müsste denn die deutsche
Regierung eindeutiger Position gegen die kriegerischen Mittel beziehen?
Grosser: Ja, das sollte sie schon tun und man lässt sich in
Deutschland ständig einschüchtern, in Frankreich übrigens auch. Man spricht von
humanitären Interventionen zu Gunsten der Zivilbevölkerung, die Krankenhäuser
sind bombardiert, es gibt kaum noch Arzneimittel, es kommen Hunger und Durst
und all das wird übergangen. Die vierte Republik in Frankreich ist 1968
zusammengebrochen, unter anderem, weil es einen Aufschrei gab gegen das
Kriegsverbrechen von Frankreich, dass ein paar Bomben auf ein tunesisches Dorf
fiel, weil sich dort Freiheitskämpfer, algerische Freiheitskämpfe, verschanzt
hatten. Das galt damals als ein Kriegsverbrechen. Und das Ausmaß im Libanon das
geschieht, ist tausend Mal mehr als das, was damals Frankreich getan hat.
Scholl: Der israelische Politologe Shlomo Avineri
hat letzte Woche hier im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur gesagt,
dass die Welt sich einfach daran gewöhnt habe, dass Israel Tag für Tag unter
Beschuss stünde. Was seien schon zwei bis drei Raketen am Tag, so ungefähr. Und
jetzt sollten wir uns mal vorstellen, das passiere jeden Tag in Deutschland.
Das ist natürlich polemisch zugespitzt, aber Schlomo Avineri berührt ja einen wunden Punkt. Steht es uns
überhaupt zu, Israel zu kritisieren?
Grosser: Ja, natürlich steht es Ihnen zu! Man war ja nicht nur
gegen Hitler wegen Antisemitismus und wegen Auschwitz, sondern gegen Hitler
wegen der Demütigung aller Menschen, die nicht Deutsche waren. Hier wird
ununterbrochen seit Jahrzehnten in Gaza, Israel hat sich das Recht eingestanden
zu töten, wen er will, einzugreifen, wo es will, und wenn man sagt, Israel
steht unter Bomben, Gaza steht ständig unter Beschuss und die Demütigung der
Palästinenser ist enorm und wenn das in Deutschland gesagt wird, gibt es eine
Pressezensur. Ich bin zum Beispiel vom "Focus" zensiert worden, weil
ich von einem Buch gesprochen habe, von dem ich sprechen sollte, von meinem
Freund Rupert Neudeck, das heißt "Ich will nicht mehr schweigen" über
das Schicksal der Palästinenser.
Scholl: Der Historiker Michael Stürmer sagt in seinem neuen Buch, das im
August erscheint, dass der Rückzug der Israelis aus dem Libanon im Jahr 2000
von der Hisbollah als Zeichen der Schwäche gedeutet wurde. Im Westen wurde der
Rückzug als Friedenssignal begrüßt. Jedes Zeichen von Israel, Rückzug auch aus
dem Gazastreifen, hat ja keine Befriedung der Lage gebracht.
Grosser: Aber umgekehrt genauso nicht. Was hat die Anerkennung
von Israel durch Arafat den Palästinensern gebracht? Was hat die Einrichtung
einer Regierung gebracht, außer dass Israel von Anfang an her jedes Mittel
verweigert hat und die palästinensischen Polizisten auch beschossen hat, wenn
Attentate waren, anstatt sie einzusetzen. Und da könnte man lange aufrechnen.
Aber das Heutige ist, das Wichtige ist, dass ein Land total zerstört wird.
Gestern gab es in Paris eine große Demonstration zu Gunsten Libanon. Es trifft
sich, dass an sich Frankreich mit Libanon viele Beziehungen hat. Ich bedaure,
dass unser Präsident nur sagt, es soll humanitär, soll gerettet werden, was
gerettet werden kann, und nicht sagt, es ist unerträglich, dass diese
Zerstörung eines Landes durchgesetzt wird.
Scholl: Das sagen Sie jetzt auch als französischer
Staatsbürger in Richtung Jacques Chirac. Wie beurteilen Sie generell das
Verhalten der Europäer? Viel zu zögerlich?
Grosser: Ja, viel zu zögerlich, viel zu schweigsam, viel zu
darauf bedacht, nicht das Gegenteil von George Bush zu tun. Und George Bush hat
völlig die Linie verlassen, die andere Präsidenten vor ihm gegangen sind, zum
Beispiel Carter oder ein Außenminister wie Kissinger, die versucht haben zu
vermitteln. Jetzt gibt es nichts mehr zu vermitteln, wenn der amerikanische
Präsident sagt, ich lege ein Veto ein, sollte es eine Resolution der UNO geben,
dass Israel irgendwie verurteilt, und seit Jahrzehnten entweder gibt es diese amerikanische
Veto oder Israel folgt nicht den Vereinten Nationen, obwohl es von Vereinten
Nationen gegründet worden ist. Und jetzt heißt es, die libanesische Regierung
hat sich nicht einer Verpflichtung, einer Resolution der UNO gebeugt, aber wer
hat angefangen sich nicht zu beugen?
Scholl: Wie beurteilen Sie die Chancen einer
UN-Streitmacht die Hisbollah zu entwaffnen?
Grosser: Also, daran glaube ich keineswegs, die kann nur kommen,
wenn es aufgehört hat zu kämpfen. Und Israel sagt ja auch, erst muss mal der
Kampf durchgesetzt werden. Was heißt denn Kampf durchsetzen, wenn jede
israelische Bombe mehr Libanesen auf die Seite des
Hisbollah bringt? Israel will nicht einsehen, wie viel die Demütigung und die
Eingriffe überall Hass entzündet haben, bei denen, die getroffen wurden.
Bei uns im Algerienkrieg, ich habe gegen diesen Algerienkrieg, eben weil ich
Franzose war, gekämpft, genauso wie ich Israel kritisiere, weil ich Jude bin.
Und damals stand ich auf der Seite des Bischofs von Algier, des katholischen
Bischofs, der sagte, jedes zerstörte Dorf, jeder unschuldige Getötete bringt
neue Terroristen hervor. Und die Regierung sagte damals, wie die israelische
Regierung, die Attentate müssen aufhören, bevor die Repressalien aufhören.
Scholl: Nun sind die Fronten jetzt aber sehr
verhärtet. Die diplomatischen Möglichkeiten scheinen gering, die Krise zu
lösen. Was fordern Sie von Israel?
Grosser: Ja, das müsste eine völlige Umstellung der Geister sein
an der Regierung. Man kann nur fragen, dass israelische Leiter daran denken,
dass auf der anderen Seite Menschen sind, mit denen man sprechen muss, mit
denen man Mitgefühl haben muss und nicht Menschen, die man ständig demütigt. In
diesem Sinne habe ich auch gesagt, und das wurde mir sehr übel genommen, dass
Daniel Barenboim viel mehr für den Frieden getan hat als Scharon.
Scholl: Mit seinem Orchester.
Grosser: Der Orchesterchef, ja.
Scholl: Jetzt scheinen solche kulturellen
Bemühungen ja irgendwie nichtig.
Grosser. Ja, aber er hat wenigstens Ansatz gesetzt,
wenn sie Zusammenarbeit machen, kann zwischen Leute, die sich heute bekriegen,
also von deren Vertreter sich heute bekriegen, und den Frieden nur mit Bomben
lösen, das hat noch niemand fertig gebracht außer durch die Zerstörung des
Gegners, aber in dem Fall ist Libanon gar nicht der Gegner.
Scholl: Nun hat der Konflikt ja auch einen größeren
geopolitischen Rahmen, wenn man so will, also Syrien und der Iran kochen
natürlich auf dem Konflikt ihr eigenes Süppchen. Ist das hier aber dann nicht
einfach naiv, von Israel zu verlangen, sozusagen die Friedenstaube zu starten?
Grosser Warum naiv? Seit
40 Jahren ist die Lage unsicher. Wie kann man Sicherheit gewinnen außer mit
Vertrauen? Und dieses Vertrauen wird immer weniger entstehen. Und wenn zum
Beispiel die israelischen Bürger moslemischen Glaubens auch misshandelt werden,
auch gedemütigt werden, ist es kein Fortschritt für die Zukunft.
Gespräch mit dem geschmähten israelisch-niederländischen
Militärhistoriker Martin van Creveld
"Wir haben
die Möglichkeit, die Welt mit uns zusammen untergehen zu lassen. Und ich kann
Ihnen versprechen, daß dies auch geschieht, bevor
Israel untergeht. Wir haben einige Hundert von Atomsprengkörpern und Raketen
und können sie auf Ziele überall werfen, vielleicht selbst auf Rom. Mit
Flugzeugen sind die meisten europäischen Hauptstädte ein Ziel.
Das
bekannte niederländische Magazin »ELSEVIER«
veröffentlichte ein Gespräch mit dem israelisch-niederländischen
Militärhistoriker Martin van Creveld.
Hier die Übersetzung aus dem Niederländischen:
von Summutt - 20.01.2003 18:48
»Wir
vernichten uns selbst«
»In Israel zeichnet sich ein fluchbeladenes Szenario ab.«
Gespräch mit dem geschmähten israelisch-niederländischen Militärhistoriker
Martin van Creveld.
Professor Martin van Creveld, international bekannter
und umstrittener Professor der Militärgeschichte an der hebräischen Universität
in Jerusalem, sieht für die weitere Zukunft nur extreme Entwicklungen voraus.
Die Art und Weise, wie Israel momentan gegen die Intifada
kämpft, sei zum Scheitern verurteilt. Die Möglichkeiten eines Friedensprozesses
und der Gründung eines palästinensischen Staates nehmen zusehends ab.
Ein Gespräch mit einem Pessimisten, der, wie er sagt, im eigenen Land geschmäht
wird:
Ihre Spezialität ist Krieg. Ist hier überhaupt von Krieg die Rede?
Ja doch, obwohl es bei den Palästinensern keine Regierung, keine Armee und kein
Volk gibt. Es geht alles durcheinander. Deshalb auch werden wir den Krieg nicht
gewinnen. Wenn wir jeden Terroristen identifizieren und eliminieren könnten,
würden wir diesen Konflikt innerhalb von 48 Stunden gewinnen. Die
palästinensische Verwaltung hat dieselben Schwierigkeiten. Selbst wenn Arafat sich
in Anbetracht unserer Bedingungen morgen entschließen würde zu kapitulieren,
würde nahezu sicher die Intifada weitergehen.
Gibt es auf der israelischen Seite auch etwas Ähnliches?
Wenn die Auseinandersetzung sehr lange dauert, wird die israelische Regierung
die Kontrolle über das Volk verlieren. Denn die Leute werden dann sagen: „Diese
Regierung kann uns nicht schützen, was kann sie dann überhaupt noch für uns
tun? Wenn die Regierung nicht gewährleisten kann, daß
wir morgen noch leben, was bringt uns das noch? Wir werden uns selbst
verteidigen.”
Also Israel hat im voraus schon verloren?
Ich will dazu Kissinger zitieren: »In Feldzügen wie diesen verlieren die
Antiterror-Brigaden, weil sie nicht gewinnen, und die Rebellen gewinnen
dadurch, daß sie nicht verlieren.«
Das trifft hier sicher zu. Ich betrachte eine totale israelische Niederlage als
unabwendbar. Das bedeutet den Zerfall der israelischen Gesellschaft und des
Staates. Wir werden uns selbst vernichten.
Hat die neuerliche israelische Militäroffensive überhaupt noch einen Sinn?
Die Militäroffensive ist total nutzlos, die Palästinenser werden dadurch nur
noch zorniger werden. Möglicherweise kehrt für eine kurze Zeit Ruhe ein, aber
letzten Endes wird es doch noch mehr Selbstmordanschläge geben.
Ist da noch Hoffnung?
Wenn ich Arafat wäre, würde ich auch nicht damit aufhören. Ich würde nur
aufhören im Tausch für ein sehr weitreichendes
politisches Abkommen. Und es sieht so aus, daß wir
eine Art Regierung haben, die Arafat ein solches nicht anbieten wird. Wenn es
heute Wahlen gäbe, würden die Linken völlig weggewischt werden.
Manche behaupten, daß der Feind von auswärts Israel
gerade zusammenhält.
Das ist richtig. Ich wünschte mir, daß es auswärtige
Feinde wären, aber das ist nicht der Fall. Wir haben so viele Jahre gegen
unsere äußeren Feinde gekämpft. Jedes Mal, wenn es Krieg gab, haben wir einen
ganz großen Hammer genommen, um unsere Feinde damit zu treffen, und nachdem sie
einige Male eine Niederlage erlitten haben, ließen sie uns in Ruhe.
Das Problem mit dem palästinensischen Aufstand ist, daß
er nicht von außen kommt, sondern von innen. Deswegen können wir den Hammer
nicht benutzen.
Also ist die Lösung, die Palästinenser außerhalb der Grenze zu halten?
Genau, und darüber gibt es momentan eine fast hundertprozentige
Übereinstimmung. Wir müßten eine Mauer bauen, die „so
hoch ist, daß kein Vogel darüber hinweg fliegen
kann”.
Das einzige Problem ist, wo wird die Grenze gezogen? Weil wir uns nicht
entscheiden können, ob die in 1967 eroberten Gebiete dazugehören oder nicht,
improvisieren wir vorläufig nur ein bißchen. Wir
bauen eine Serie von kleinen Mauern, die viel schwieriger zu schützen sind. Das
ist aus militärischer Sicht sehr dumm. Jeder Supermarkt hat allmählich seine
eigene lebende Mauer von Wachmannschaften. Die eine Hälfte der israelischen
Bevölkerung schützt die andere Hälfte, unglaublich. Das bedeutet eine
entsetzliche Verschwendung und ist fast vollkommen nutzlos.
Das bedeutet, daß die Palästinenser also innerhalb
der Grenzen bleiben?
Nein, das bedeutet, daß sie alle deportiert werden.
Die Leute, die dies anstreben, warten nur auf den richtigen Führer und die
geeignete Stunde. Vor zwei Jahren waren nur 7 oder 8 Prozent der israelischen
Bevölkerung der Meinung, daß dies die beste Lösung
wäre, vor zwei Monaten waren es schon 33 Prozent und jetzt sind es nach einer Gallup-Umfrage 44 Prozent.
Wird das denn jemals stattfinden können?
Sicher, denn verzweifelte Zeiten haben verzweifelte Maßnahmen zur Folge.
Momentan steht es 50:50, wo die Grenze gezogen wird. Vor zwei Jahren wollten 90
Prozent die Mauer entlang der alten Grenze bauen. Das hat sich jetzt völlig
geändert, und wenn es so weiter geht, wenn der Terror nicht aufhört, wollen in
zwei Jahren vielleicht 90 Prozent die Mauer entlang des Jordan bauen.
Die Palästinenser sprechen von „Summutt”, das
bedeutet durchhalten und sich an Grund und Boden festklammern. Ich habe enorme
Achtung vor den Palästinensern, sie kämpfen heldenmütig. Aber wenn wir
tatsächlich über den Jordan stoßen wollen, würden wir dazu nur einige Brigaden
benötigen. Wenn die Syrier oder Ägypter das zu verhindern versuchen würden,
würden wir sie ausradieren. Der Führer ist Ariel Sharon. Er hat immer einen
Plan, er improvisiert nicht.
Den Plan, die Palästinenser zu deportieren?
Ich denke, daß es sehr gut möglich ist, daß er das anstrebt. Er will den Konflikt eskalieren
lassen. Er weiß, daß alles, was wir sonst machen,
keinen Erfolg haben wird.
Denken Sie, daß die Welt eine derartige ethnische
Säuberung zulassen wird?
Das liegt daran, wer es macht und wie schnell es geht. Wir haben einige Hundert
von Atomsprengkörpern und Raketen und können sie auf Ziele überall werfen,
vielleicht selbst auf Rom. Mit Flugzeugen sind die meisten europäischen
Hauptstädte ein Ziel.
Dann wird Israel ein Schurkenstaat sein?
Ich will dazu General Moshe Dayan zitieren: „Israel muß wie ein toller Hund sein, zu gefährlich, um ihn zu
berühren”.
Ich halte alles dies jetzt für eine hoffnungslose Situation. Wir werden
versuchen müssen zu vermeiden, daß es so weit kommt,
wenn nur irgendwie möglich.
Aber unsere Armee ist von der Stärke her nicht die Nummer 30 in der Welt,
sondern die Nummer 2 oder 3. Wir haben die Möglichkeit, die Welt mit uns
zusammen untergehen zu lassen. Und ich kann Ihnen versprechen, daß dies auch geschieht, bevor Israel untergeht.
Dies ist aber nicht Ihre eigene Vorstellung?
Natürlich nicht. Sie fragten mich, was geschehen könnte und ich habe das
beschrieben. Es ist nur die Frage, ob es nicht schon zu spät ist für die andere
Lösung, die ich befürworte, und ob die israelische öffentliche Meinung davon
noch überzeugt werden kann. Ich denke, daß es zu spät
ist. Mit jedem Tag, der vorübergeht, wird die Vertreibung der Palästinenser
wahrscheinlicher. Die Alternative wäre die totale Vernichtung und
Desintegration Israels. Was also erwarten Sie von uns?
Das Gespräch führte Ferry Biedermann in Jerusalem
Die Kritik an der Politik Israels
wächst. Am meisten Wirbel hat in den letzten Tagen mit Artikelen
in der FAZ und im Spiegel die Stellungnahme von J. Gaarder
aus Norwegen hervorgerufen. Er ist hier vor allem durch "Sofies Welt"
bekannt geworden.
In deutschen Medien konnte ich
seinen Artikel nicht finden, nur die Reaktionen: Ich gebe ihn daher hier in
einer englischen und deutschen Übersetzung weiter: (Fundort: Wikipedia!)
Jostein Gaarder,
Aftenposten 05.08.06
/Aus dem Englischen übersetzt nach
einer Übersetzung aus dem
Norwegischen des
Simon-Wiesenthal-Zentrums
*http://norskisraelsenter.no/engl/antis/2006-08-08-swc-gaarder.php#garder-artic*
Es gibt keine Umkehr. Es ist an der
Zeit, eine neue Lektion zu lernen: Wir erkennen den Staat Israel nicht länger
an. Wir konnten das südafrikanische Apartheid-Regime nicht anerkennen, und
ebenso wenig das
afghanische Taliban-Regime.
Und es gab viele, die Saddam Husseins Irak oder die ethnischen Säuberungen der
Serben nicht anerkannten. Wir müssen uns nun an den Gedanken gewöhnen: der
Staat Israel in seiner jetzigen Form ist Geschichte.
Wir glauben nicht an die Idee eines
von Gott auserwählten Volkes. Wir lachen über die Hirngespinste dieses Volkes
und weinen über seine Untaten. Als Gottes auserwähltes Volk zu handeln ist
nicht nur dumm und arrogant, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir
nennen es
Rassismus.
Grenzen der Toleranz
Es gibt Grenzen unserer Geduld, und es gibt Grenzen
unserer Toleranz. Wir glauben nicht an himmlische Versprechen als
Rechtfertigungen für Besatzung und Apartheid.
Wir haben das Mittelalter hinter uns gelassen.
Wir lachen unbehaglich über jene, die noch immer glauben, dass der Gott der Flora, Fauna und Galaxien ein
einzelnes Volk vor den anderen als sein
Liebstes auserwählt und ihm lustige Steintafeln, brennende Büsche und eine Lizenz zum Töten überreicht hat.
Wir nennen Kindermörder
‘Kindermörder’ und werden niemals akzeptieren, dass diese ein gottgegebenes
oder historisches Mandat besitzen sollen, das ihre Schandtaten rechtfertigt.
Wir sagen nur dieses: Schande über alle Apartheid, Schande über Ethnische
Säuberungen, Schande über jeden
Terroranschlag auf Zivilisten, ob er
nun von Hamas, Hisbollah oder dem Staat
Israel verübt wird!
Skrupellose Kriegführung
Wir anerkennen Europas tiefe
Verantwortung für das Leid der Juden und nehmen sie auf uns, für die
schändliche Verfolgung, die Pogrome, und den
Holocaust. Es war eine historische und moralische Notwendigkeit für die
Juden, ihre eigene Heimat zu erhalten. Der Staat Israel hat jedoch, mit
seiner skrupellosen Kriegführung und
seinen abscheulichen Waffen, seine eigene Legitimität massakriert. Er hat
internationales Recht, internationale Konventionen und unzählige
UN-Resolutionen zum Gespött
gemacht, und kann nicht länger
Schutz von diesen erwarten. Er hat die Anerkennung der Welt mit einem
Bombenteppich belegt. Aber fürchtet Euch nicht! Die Zeit der Not wird bald
vorüber sein. Der Staat Israel hat sein Soweto gesehen. Wir sind nun am
Scheideweg. Es gibt keine Umkehr. Der Staat Israel hat die Anerkennung der Welt
vergewaltigt und wird keinen Frieden haben, bis er seine Waffen nicht
niederlegt.
*Ohne Verteidigung, ohne Haut
*
Mögen Geist und Wort die
Apartheid-Wände Israels hinwegfegen. Der Staat Israel existiert nicht. Er ist
nun ohne Verteidigung, ohne Haut. Möge die Welt deshalb Erbarmen mit der
Zivilbevölkerung haben. Denn es ist
nicht die Zivilbevölkerung, der unsere Untergangsprophezeiung gilt.Wir wünschen dem Volk von Israel Gutes, nichts als
Gutes, aber wir behalten uns das Recht vor, keine Jaffa-Orangen zu essen, so
lang sie faulig schmecken und giftig sind. Es war erträglich, einige Jahre ohne
die blauen Trauben der Apartheid zu leben.
*Sie feiern ihre Triumphe*
Wir glauben nicht, dass Israel
vierzig getötete libanesische Kinder mehr beklagt als vierzig Jahre in der
Wüste, vor dreitausend Jahren. Wir bemerken, dass viele Israelis solche
Triumphe so feiern wie sie einst die Plagen des Herrn als „angemessene Strafe“
für das Volk Ägyptens bejubelten. (In dieser Geschichte erscheint der Herr, Gott
von Israel, als unersättlicher Sadist.) Wir fragen, ob die meisten Israelis
glauben,
dass ein israelisches Leben mehr
wert ist als vierzig palästinensische oder libanesische Leben. Denn wir haben
Bilder gesehen, auf denen kleine israelische Mädchen hasserfüllte Grüße auf
jene Bomben schreiben, die auf die Zivilbevölkerung von Libanon und Palästina
abgeworfen werden. Kleine israelische Mädchen sind nicht niedlich, wenn sie vor
Freude strahlen über Tod und Qual hinter den Fronten.
*Vergeltung von Blutrache*
Wir anerkennen nicht die Rhetorik
des Staates Israel. Wir anerkennen nicht die Spirale der Vergeltung der
Blutrache von „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Wir anerkennen nicht das Prinzip
von einem oder tausend
arabischen Augen für ein
israelisches Auge. Wir anerkennen keine Kollektivbestrafung oder
Bevölkerungsschlankheitskuren als politische Waffen. Zweitausend Jahre sind
vergangen, seit ein jüdischer Rabbi die altertümliche Doktrin des „Auge um
Auge, Zahn um Zahn“ kritisiert hat.
Er sagte: „Tu an anderen, wie du
wolltest, dass sie an dir tun.“ Wir anerkennen einen Staat nicht, der auf
antihumanistischen Prinzipien gegründet ist, und auf den Ruinen einer
archaischen nationalistischen
Kriegsreligion. Oder wie Albert
Schweitzer es ausdrückte: „Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch
einem Zweck geopfert wird.“
*Mitgefühl und Vergebung*
Wir anerkennen nicht das alte
Königreich Davids als ein Modell für die Karte des Mittleren Ostens im 21.
Jahrhundert. Der jüdische Rabbi erklärte vor zweitausend Jahren, dass das
Königreich Gottes keine
kriegerische Wiederherstellung des
Königreichs Davids ist, sondern dass das Königreich Gottes in und um uns ist.
Das Königreich Gottes ist Mitgefühl und Vergebung. Zweitausend Jahre sind
vergangen, seit der jüdische Rabbi die alte Rhetorik des Krieges entwaffnet und
humanisiert hat. Schon zu seiner
Zeit waren die ersten zionistischen
Terroristen am Werk.
*Israel hört nicht zu*
Zweitausend Jahre lang haben wir die
Lektion des Humanismus einstudiert, aber Israel hört nicht zu. Es war nicht der
Pharisäer, der dem Mann half, der, den
Räubern zum Opfer gefallen, am Wegesrand lag. Es war der Samariter; heute
würden wir sagen, ein Palästinenser. Denn zuallererst sind wir Menschen – dann
erst Christen, Moslems, oder Juden. Oder, wie der jüdische Rabbi sagte: „Und
wenn du nur deine Brüder grüßt, was tust du mehr als andere?“ Wir akzeptieren
nicht die Entführung von Soldaten.
Aber ebenso akzeptieren wir nicht
die Deportation ganzer Bevölkerungen oder Entführung legal gewählter
Parlamentarier und Minister.Wir anerkennen den Staat
Israel von 1948, aber nicht den von 1967. Es
ist der Staat Israel, der den dem
internationalem Recht entsprechenden Staat Israel von 1948 nicht anerkennt,
respektiert und sich auf ihn bezieht.
Israel will mehr; mehr Wasser und mehr Dörfer. Um das zu erreichen gibt es
jene, die, mit Gottes Hilfe, eine Endlösung des palästinensischen Problems
wollen. Die Palästinenser haben so viele andere Länder, haben bestimmte
israelische Politiker argumentiert; wir
haben nur eines.
*Die USA oder die Welt?*
Oder wie der oberste Beschützer des
Staates Israel sagt: „May God continue
to bless America.“ Ein kleines Kind bemerkte das. Sie
drehte sich zu ihrer Mutter um und sagte: „Warum hört der Präsident seine Reden
immer mit ‘God bless
America’ auf? Warum sagt er nicht ‘God bless the world’?“
Dann gab es einen norwegischen
Poeten, der diesen kindlichen Seufzer aus seinem Herzen entließ: „Warum nur
schreitet die Menschlichkeit so langsam voran?“ Es war er, der so wundervoll
über den Juden und die Jüdin schrieb. Aber er lehnte die Idee von Gottes
auserwähltem Volk ab. Er selbst zog es vor, sich einen Mohammedaner zu nennen.
*Gelassenheit und Gnade*
Wir anerkennen nicht den Staat
Israel. Nicht heute, nicht im Moment, da
wir dieses schreiben, nicht in der Stunde von Trauer und Zorn. Wenn die
gesamte israelische Nation ihrem eigenen Handeln erliegen sollte und Teile der
Bevölkerung aus den besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen,
dann sagen wir: Mögen die Umgebenden gelassen bleiben und ihnen Gnade erweisen.
Es ist ein ewiges Verbrechen ohne mildernde Umstände, die Hand an Flüchtlinge
und staatenlose Völker zu legen.
Frieden und freies Geleit für die
ausziehende Zivilbevölkerung, die nicht länger von einem Staat geschützt wird.
Feuert nicht auf die Flüchtlinge! Zielt
nicht auf sie! Sie sind verwundbar wir Schnecken ohne
Haus, verwundbar wie langsame Karavanen palästinensischer und libanesischer Flüchtlinge,
schutzlos wie Frauen und Kinder und Alte in
Kana, Gaza, Sabra
und Shatilla.
Gebt den israelischen Flüchtlingen
Obdach, gebt ihnen Milch und Honig!
Lasst nicht ein israelisches Kind
mit seinem Leben büßen.
Viel zu viele Kinder und Zivilisten wurden schon ermordet.
Israel schlug die großen arabischen Staaten
in sechs Kriegstagen, aber es war außer Stande, die Hisbollah nach mehr als
einem Jahrzent Besatzung zu besiegen, bevor es sich
im Jahre 2000 zurückzog. Und es war nicht in der Lage, nach drei Wochen
intensiver Bombardierung und Artilleriebeschuß sowie
Sondermaßnahmen am Boden den Raketenbeschuß zu
stoppen. Heißt das, die Hisbollah hat gegen Israel „gewonnen“, weil sie die
israelische Abschreckungskraft geschwächt und gezeigt hat: Israel ist nicht
unbesiegbar?
Man muß begreifen,
daß Israel formale Armeen besiegt hat, die zumeist
von ineffizienten und korrupten Regimen geführt
wurden. Die Hisbollah führt einen „asymmetrischen“ Krieg gegen Israel, der von
immer radikaleren und sogar immer fanatischeren Massen getragen wird. Das
bedeutet: Ja, Israel wird viel größere Schwierigkeiten haben, mit letzerer wirksam zurechtzukommen als mit ersterer.
In all den Jahren haben israelische
Hardliner wie Ariel Scharon und Benjamin Netanyahu
behauptet, Israel lebe in einer finsteren Wohngegend. Seine Feinde dort
verstünden nur die Sprache der Gewalt. Die amerikanischen NeoCons
argumentierten genauso – daß nämlich mit dem
einseitigen Eindringen in den Irak die überwältigende Macht der USA „eine
Vorzeigewirkung“ entfalten würde, die die finsteren Nachbarn zu US-Ziel-gemäßem Verhalten veranlassen würde.
Hat sich das nicht als falsch
herausgestellt? Führt militärische Überlegenheit als grobes Instrument nicht zu
ewiger Feindschaft, statt zu Sicherheit? Wenn man sich die Zerstörung der
Städte im südlichen Libanon nach Scharons Invasion 1982 angeschaut hat, konnte
man doch voraussagen, daß Jahre später so etwas wie
der Hisollah-Haß auf Israel hochkommen würde.
Die Rezepte der NeoCons
– Israel hat Entsprechendes – sind für Amerika fatal und letzten Endes
auch für Israel. Sie werden die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im
Nahen Osten vollständig gegen die Vereinigten Staaten aufbringen. Die
Lektionen des Irak sprechen für sich. Wird die NeoCon-Politik
fortgesetzt, dann werden die Vereinigten Staaten schließlich aus der Region
verdrängt. Das wird auch der Anfang vom Ende Israels sein.
Teilt der Tod von so vielen unschuldigen
Zivilisten in Qana im Süden Libanons – ebenso wie die
Massaker von Haditha im Irak durch amerikanische
Soldaten – den Arabern und Persern nicht mit, daß der
„Neue Nahe Osten“ aus den USA und aus Israel auf Besatzung, Gemetzel und Blufvergießen hinauslaufen wird? Sogar Shirin
Ebadi, die iranische Dissidentin und
Nobelpreisträgerin sagte mir kürzlich, daß die Iraner
vorerst lieber die Mullahs ertragen als den Horror, den sie im Irak sehen.
Genau deshalb ist die NeoCon-Politik
von fahrlässiger Gefährlichkeit sowohl für Amerika als auch für Israel.
Jenseits des Israel-Hisbollah-Konflikts
– worauf läuft die US-Diplomatie in der Region hinaus?
Neu ist, daß es
immer schwieriger wird, das Israel-Palästina-Problem, das Irak-Problem und den
Iran voneinander zu trennen. Weder die USA noch Israel sind in der Lage, dem
Nahen Osten eine einseitige Lösung aufzudrücken. Es mag Leute geben, die sich
selbst in diesen Glauben hineintäuschen.
Eine Lösung der Israel-Palästinenser-Frage
gibt es nur bei ernsthafter internationaler Einbeziehung und Unterstützung der
Gemäßigten auf beiden Seiten, wie viele oder wenige sie auch sein mögen; das
würde auch die Lage schaffen, in der die kriegführenden
Parteien größeres Interesse daran gewönnen sich anzupassen, statt zu
widerstehen, sowohl wegen der Anreize, als auch wegen der Fähigkeit der äußeren
Interventen, ihnen Kosten aufzuerlegen.
Als der irakische Premierminister (Jawad) al-Maliki kürzlich Israel wegen des Libanon-Konflikts
scharf kritisierte, war das ein Hinweis auf das, was kommt. Die Vorstellung, daß die USA einen gefügigen, demokratischen, stabilen,
pro-amerikanischen, Israel-liebenden Irak bekommen
werden, ist ein schnell verfliegender Mythos. Deshalb müssen die USA
anfangen, mit den Irakis über den Tag unseres
Abzugs zu reden. Wir sollten nicht überstürzt abziehen. US-Botschafter (Zalmay) Khalilzad sagte mir, daß vier Monate überstürzt wären. Das finde ich auch. Aber
wir sollten uns einig sein, daß die USA einige Zeit
danach abziehen werden.
Dem Iran haben wir ein vernüftiges
Angebot gemacht. Ich weiß nicht, ob sie positiv antworten werden, oder
wenigstens nicht negativ. Ich neige zu der Vermutung, daß
sie wohl weder negativ, noch positiv antworten werden, um auf Zeit zu spielen.
Aber das ist nicht so schlecht, vorausgesetzt, sie verwerfen den Vorschlag
nicht.
Das iranische Atom-Problem ist ernst, und
die Iraner sind am Rande im Libanon beteiligt. Tatsache ist aber, daß die Herausforderung nicht unmittelbar droht. Und weil
sie nicht unmittelbar droht, ist Zeit, damit umzugehen.
In der internationalen Politk
ist es manchmal besser, Gefahren hinauszuschieben, statt zu versuchen, sie alle
sofort zu beseitigen. Das ruft starke Gegenreaktionen hervor, die zerstörerisch
wirken. Wir haben Zeit mit dem Iran, vorausgesetzt, der Prozeß
des Umgangs mit der Atomenergie wird angestoßen. Er kann dann ausgedehnt werden
und Sicherheitsgespräche über die Region einbeziehen.
Letztendlich ist der Iran bedeutend, nicht
der Irak. Der Iran wird bestehen. Er wird eine Rolle spielen. Und auf längere
historische Sicht besitzt er alle Voraussetzungen für eine konstruktive innere
Entwicklung, gemessen am Alphabetisierungsgrad, am Zugang zu höherer Bildung
und an der Rolle der Frau in der Gesellschaft.
Die Mullahs sind Teil der Vergangenheit im
Iran, nicht seiner Zukunft. Doch der Wandel im Iran wird sich durch
Engagement vollziehen, nicht durch Konfrontation.
Wenn wir diese Linie verfolgen, können wir
vielleicht das Schlimmste abwenden. Wenn wir es nicht tun, fürchte ich, wird
die Region explodieren. Langfristig wäre Israel in großer Gefahr.
T:I:S (Übersetzung), 6. August 2006
Quelle vom 1. August 2006; Biographisches über Nathan Gardels; gekürzte und abweichende Übersetzung in der Welt; Wikipedia über