www.nahost-journal.de

 

Der Krieg gegen Kinder

Der Grund, warum Israel Hamas fürchtet ist der, dass Hamas wahrscheinlich kein vertrauensvoller Kollaborateur sein wird, der sein eigenes Volk im Auftrag Israels unterwirft.

 

Kapitulation gegen Existenzrecht; Oder Wer muss wessen Existenzrecht anerkennen ?

 

Kein Strom, kein Wasser. Israels Krieg gegen die Zivilbevölkerung

"Israel ist doch der Angreifer"Die Eskalation in Nahost zeigt, dass der israelische Rückzug aus Gaza nur Taktik war. Israel will die Besatzung nicht aufgeben - und die USA und die EU unterstützen diese Position, so der französische Publizist Alain Gresh

Alfred Grosser, französisch-jüdischer Publizist kritisiert israelisches Vorgehen

Der französisch-jüdische Politologe und Publizist Alfred Grosser hat seine harte Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon erneuert. Die Regierung in Jerusalem müsse im Kampf gegen die Hisbollah umdenken. Jede israelische Bombe bringe mehr Libanesen an die Seite der radikal-islamischen Miliz.

»Wir vernichten uns selbst«

Gespräch mit dem geschmähten israelisch-niederländischen Militärhistoriker Martin van Creveld

"Wir haben die Möglichkeit, die Welt mit uns zusammen untergehen zu lassen. Und ich kann Ihnen versprechen, daß dies auch geschieht, bevor Israel untergeht. Wir haben einige Hundert von Atomsprengkörpern und Raketen und können sie auf Ziele überall werfen, vielleicht selbst auf Rom. Mit Flugzeugen sind die meisten europäischen Hauptstädte ein Ziel.

 

Gottes auserwähltes Volk

Stellungnahme von J. Gaarder aus Norwegen, "Sofies Welt"

" Wir anerkennen nicht den Staat Israel." " Kleine israelische Mädchen sind nicht niedlich, wenn sie vor Freude strahlen über Tod und Qual hinter den Fronten"

 

Zbigniew Brzeziński  Der Anfang vom Ende Israels

 

 

The Bush-Olmert game of starving the Palestinian people

(Jalal Al-Rifa'i, Ad Dustour, 5/18/06)

 

 

 

 


 

Der Krieg gegen Kinder

Der Grund, warum Israel Hamas fürchtet ist der, dass Hamas wahrscheinlich kein vertrauensvoller Kollaborateur sein wird, der sein eigenes Volk im Auftrag Israels unterwirft.

 

Von John Pilger

 

Arthur Miller schrieb: "Nur wenige von uns können den Glauben aufgeben, dass die Gesellschaft irgendwie einen Sinn hat. Der Gedanke, dass der Staat seinen Verstand verloren hat und dabei ist, so viele unschuldige Menschen zu strafen, ist unerträglich. Also muss der Beweis dafür intern geleugnet werden."

 

Millers Wahrheit wurde am 9. Juni im Fernsehen flüchtige Realität, nachdem israelische Kriegsschiffe auf Familien, die am Strand von Gaza picknickten, geschossen und 7 Menschen getötet hatten, einschließlich drei Kindern und drei Generationen. Dies stellt - das Problem der Palästinenser betreffend - schließlich eine Lösung (final solution) dar, die mit der USA und Israel abgestimmt ist. Während die Israelis Granaten auf palästinensische Picknicker und Häuser in Gaza und in der Westbank abschießen, lassen beide Regierungen sie außerdem aushungern. Die Opfer werden vor allem Kinder sein.

 

Am 23. Mai wurde vom US-Repräsentantenhaus mit 361 zu 37 Stimmen die Sperrung der Hilfsgelder für NGOs genehmigt, die das Rettungsseil für das besetzte Palästina darstellen. Israel hält palästinensische Steuern zurück, die sich auf 60Millionen $ im Monat belaufen.

 

Solch eine kollektive Strafe, die nach den Genfer Konventionen als Verbrechen gegen die Menschheit betrachtet wird, erinnert an die Strangulierung des Warschauer Gettos durch die Nazis und die amerikanische Belagerung des Irak in den 90er Jahren. Wenn die Täter ihren Verstand verloren haben, wie Miller denken lässt, scheinen sie ihr Barbarei zu verstehen und ihren Zynismus zu entfalten, wie z.B. Dov Weißglas mit der "Idee, die Palästinenser auf Diät zu setzen ." Er ist Berater des israelischen Ministerpräsidenten, Ehud Olmert.

 

Dies ist der Preis, den die Palästinenser für ihre demokratischen Wahlen im Januar zahlen müssen. Die Mehrheit wählte die "falsche" Partei, die Hamas, die die USA und Israel als Terroristen beschreiben - im Sinne von " ein Esel schimpft den andern einen Esel" . Doch Terrorismus ist nicht der Grund für die Aushungerung der Palästinenser, dessen Ministerpräsident Ismail Haniyeh bestätigt hat, dass Hamas sich verpflichtet, den jüdischen Staat anzuerkennen, wenn Israel sich an das Völkerrecht hält und die Grenzen von 1967 respektiert. Israel verweigert dies, weil es - wie die im Bau befindliche Apartheidmauer deutlich macht - andere Absichten hegt: immer mehr palästinensisches Land zu übernehmen und ganze Orte ja schließlich auch Jerusalem zu umzingeln.

 

Wunden, die von Scharfschützen verursacht wurden

Der Grund, warum Israel Hamas fürchtet ist der, dass Hamas wahrscheinlich kein vertrauensvoller Kollaborateur sein wird, der sein eigenes Volk im Auftrag Israels unterwirft. Tatsächlich war die Stimme der Wähler für Hamas eine Stimme für den Frieden. Die Palästinenser hatten die Nase voll vom Versagen und der Korruption der Arafat -Ära. Nach dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, dessen Carter-Zentrum den Hamas-Wahlsieg beglaubigte, zeigten "die Meinungsumfragen, dass 80% der Palästinenser ein Friedensabkommen mit Israel wünschen."

 

Es ist schon ironisch, wenn man den Aufstieg der Hamas betrachtet, der dank geheimer Unterstützung Israels zustande kam, da dieses mit den USA und den Britten wollte, dass Islamisten den säkularen Arabismus und dessen "moderate" Träume von Freiheit unterminieren. Hamas weigerte sich, dieses Macchiavellsche Spiel mitzuspielen und hielt trotz der vielen israelischen Angriffe 18 Monate lang seine Feuerpause ein. Das Ziel des israelischen Angriffs auf den Strand von Gaza war offensichtlich die Sabotage der Feuerpause. Das ist eine uralte Taktik.

 

Nun findet Staatsterror in der Art einer mittelalterlichen Belagerung statt und trifft die Schwächsten. Für die Palästinenser ist ein Krieg gegen ihre Kinder kaum etwas Neues. Eine 2004 veröffentlichte Feldstudie in einer britisch medizinischen Zeitschrift berichtet, dass in den letzten vier Jahren "Zwei Drittel der (von Israelis) getöteten 621 Kinder - an Checkpoints, auf dem Weg zur Schule oder in ihren Häusern - durch kleine Waffen starben, die zur Hälfte auf den Kopf, den Hals und die Brust gerichtet waren - es sind Wunden von Scharfschützen. Ein Viertel der palästinensischen Kinder unter fünf sind akut oder chronisch unterernährt. Die israelische Mauer wird 97 (Primary-)Gesundheitskliniken und 11 Krankenhäuser von der Bevölkerung trennen, der sie dienen sollten."

 

Die Studie beschreibt "einen Mann in einem jetzt eingemauerten Dorf nahe Qalqilia, als er sich mit seiner schwer kranken Tochter im Arm einem Tor näherte und die Soldaten darum bat, ihn passieren zu lassen, damit er sie ins Krankenhaus bringen könne. Die Soldaten verweigerten dies.

 

Gaza, das nun wie ein Gefängnis abgesperrt ist und vom Lärm von die Schallgeschwindigkeit durchbrechender Knallerei durch die israelische Luftwaffe terrorisiert wird, hat eine Bevölkerung, deren Hälfte unter 15 Jahre alt ist. Dr. Khalid Dahlan, ein Psychiater, der einer Kinderklinik vorsteht, erzählte mir: "Nach der Statistik, die für mich unerträglich ist, sind 99,4 % der Kinder, mit denen wir es zu tun haben, traumatisiert ...99,2 % erlebten, wie ihr Haus bombardiert wurde, 97,5 % waren Tränengas

ausgesetzt; 96,6 % waren Zeugen als geschossen wurde; ein Drittel sah, wie Familienmitglieder oder Nachbarn verletzt oder getötet wurden."

 

Diese Kinder leiden unvermindert an Alpträumen und "Nachtterror", und sie müssen sich weiterhin mit eben diesen Situationen auseinandersetzen. Einerseits träumen sie davon, Doktor und Krankenschwester zu werden, "damit sie andern helfen können"; andrerseits wird dieser Wunsch von einer apokalyptischen Vision überholt, dass sie die nächste Generation der Selbstmordattentäter seien. Sie machen konstant nach israelischen Angriffen diese Erfahrung.

Für einige Jungen sind nicht mehr Fußballspieler die Helden, sondern eine Verbindung des palästinensischem "Märtyrer" mit dem Feind, "weil israelische Soldaten stärker sind und Apachen-Kanonenboote haben."

 

Dass diese Kinder nun darüber hinaus noch weiter gestraft werden, mag menschlichen Verstand übersteigen, aber da liegt eine gewisse Logik drin. Jahrelang haben Palästinenser es vermieden, in den Abgrund eines Bürgerkrieges zu fallen, wohl wissend, dass es genau dies ist, was Israel wünscht. Indem sie nun ihre gewählte Regierung zerstören, versuchen sie, eine parallele Regierung um den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas aufzubauen ...die Folge: eine anarchistische Gesellschaft ... beherrscht von verzweifelten Milizgruppen, Banden, religiösen Ideologien, zerbrochen in ethnische und religiöse Clans und Kollaborateure. Schauen wir auf den Irak von heute: das ist es, was Sharon für uns auf Lager hatte," schrieb der Oxforder Akademiker und Palästinenser Karma Nabulsi.

 

Der Kampf in Palästina ist ein amerikanischer Krieg, der von Amerikas schwerbewaffneter Militärbasis, Israel, aus geführt wird. Wir im Westen sollten über den israelisch-palästinensischen "Konflikt" nicht in dieser Weise denken, so wie wir über die Israelis als Opfer, aber nicht als illegale und brutale Besatzer denken sollten. ...doch ohne F-16-Bomber und die Apachen-Hubschrauber und die Milliarden Dollars amerikanischer Steuerzahler, hätte Israel längst mit den Palästinensern Frieden gemacht. Seit dem 2. Weltkrieg hat die USA Israel 140 Milliarden $ gegeben, den größten Teil für die militärische Ausrüstung. Nach dem Kongress-Forschungsdienst waren in demselben "Hilfsbudget" 28 Millionen $ "Hilfe für palästinensische Kinder eingeschlossen, die unter dieser Konfliktsituation leiden", um ihnen mit "grundlegender erster Hilfe" beizustehen. Diese Hilfe wurde jetzt auch gestrichen.

 

Karma Nabulsis Vergleich mit dem Irak ist treffend, denn dieselbe "Politik" wird dort angewandt. Die Aufbringung von Zarqawi war ein wunderbarer Medien-Event. Die Philosophin Hanna Arendt nannte dies eine "Aktion als Propaganda" und hat wenig mit der Realität zu tun. Die Amerikaner... haben ihren Dämon in die Luft gesprengt. Die Wahrheit ist, das Zarqawi größtenteils ihre Schöpfung war. Seine offensichtliche Tötung diente einem wichtigen Propagandazweck, der uns im Westen vom amerikanischen Ziel, den Irak wie Palästina in eine ohnmächtige Gesellschaft von ethnischen und religiösen Clans/Stämmen umzuwandeln, ablenken soll. Todesschwadronen, die von Veteranen der CIA in Zentral-Amerika ausgebildet und trainiert werden, sind dafür wichtig. Der Mord an Zarqawi und die Mythen über seine Bedeutung lenken auch von den Massakern der US-Soldaten ab, wie das in Haditha. Sogar der Marionetten-Präsident Al-Maliki beklagt das mörderische Verhalten der US-Truppen als tägliches Geschehen...

 

Dies ist als "Befriedung" bekannt. Die Asymmetrie eines befriedeten Irak und eines befriedeten Palästina ist klar. Wie in Palästina geht der Krieg im Irak gegen Zivilisten, meist gegen Kinder. Nach UNICEF war der Irak einmal das Land mit dem höchsten Indikator für das Wohlbefinden der Kinder. Heute leidet ein Viertel aller Kinder zwischen ½ und 5 Jahren an akuter oder chronischer Unterernährung, schlimmer als in der Zeit der Sanktionen. Armut und Krankheit nehmen mit jedem Tag der Besatzung zu.

 

Im Britisch besetzten Basra ist "die Kindersterblichkeit um 30 % angewachsen, verglichen mit der Saddam Hussein-Ära" ( nach Saving Children from War, einer EU -Hilfsagentur).

Sie sterben, weil die Krankenhäuser keine Ventilatoren haben und das Wasser verschmutzt ist .... Die Kinder werden Opfer von nicht explodierten britischen und US- Clusterbomben. Sie spielen in Gegenden, die von abgereichertem Uran verseucht sind(und Krebs/Leukemie verursacht). Im Gegensatz dazu bewegen sich brit. Überwachungsteams dort nur mit vor Strahlung schützenden speziellen Ganzkörper-Anzügen mit Gesichtsmasken und Handschuhen. ...Das Verteidigungsministerium nennt dies einen "vollen biologischen Test."

 

Hatte Arthur Müller recht? Wird dies alles intern dementiert? Oder hören wir auch auf entferntere Stimmen?

Bei meinem letzten Aufenthalt in Palästina wurde ich beim Verlassen von Gaza mit einem Schauspiel palästinensischer Flaggen von innerhalb des ummauerten Gebietes belohnt. Kinder waren dafür verantwortlich. Keiner hatte sie dazu aufgefordert. Sie machten Fahnenstangen aus zusammengebundenen Stöcken, kletterten auf eine Mauer und hielten die Fahnen ruhig zwischen sich. Wohl im Glauben, dass sie der Welt erzählen werden.

 

(Dieser Artikel erschien zuerst in New Statesman - seine Website:

www.johnpilger.com)

15.06.2006

(dt. Ellen Rohlfs)

 

Kapitulation gegen  Existenzrecht

Oder Wer muss wessen Existenzrecht anerkennen ?

 

Kathleen Christison, Counterpunch, 30.5.06

 

Ehud Olmert äußerte sich bei einer gemeinsamen Sitzung am 24. Mai gegenüber dem Kongress,  er sei mit der tiefen Überzeugung aufgewachsen, das jüdische Volk müsse niemals irgend einen Teil des Landes der Urväter aufgeben: „Ich glaubte und glaube es noch heute, dass es das ewige und historische Recht unseres Volkes sei, das ganze Land zu besitzen.“

Er räumte dann ein, dass Träume allein keinen Frieden bringen  und Israel keinen sicheren demokratischen Staat erhalten können. Was aber in diesem wenig beachteten Statement über jüdische Verbindung zu diesem Land  deutlich hervortrat, ist die Bestätigung eines obersten jüdischen Rechtes auf ganz Palästina, ganz gleichgültig, wer sonst noch dort lebt. Im Kontext  irgendwelcher Hoffnung auf ein gerechtes und unparteiisches Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinensern, wäre dies ein Geschäftsbrecher par excellence – also Verrat.

 

Im Licht dieser offiziellen israelischen Ansicht, das jüdische Volk habe ein „ewiges und historisches Recht auf das ganze Land“, ist man  über die Heuchelei der Forderung erschrocken,  die Palästinenser  müssten Israels Existenzrecht  anerkennen, bevor jemand mit ihnen verhandelt und bevor sie der zivilisierten Gemeinschaft der Völker hinzugefügt werden können. So wurde universell von Israel, der EU und  dem größten Teil der internationalen Gemeinschaft deutlich behauptet. Bedeutet diese Forderung, dass Palästinenser Israels Existenzrecht anerkennen, dass sie “Israels Recht auf das ganze Land“ anerkennen müssen, so wie es Olmert definiert hat? Und falls dies der Fall ist , wie kann den Palästinensern möglicherweise versichert werden,  selbst wenn Israel ihnen großzügig einen „Staat“ oder ein Bantustan in einem Teil des ganzen gewährt , der  ihnen Israel  zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgenommen wird, da Juden ein ewiges und historisches Recht  auf dieses ganze Land haben . Warum sollte irgend jemand glauben, dass  eine israelische Konzession von Land auf Dauer sei?

 

Olmerts Geltendmachung  dieses all-umfassenden jüdischen „Rechtes“ ist sicher kein neues Kennzeichen des israelischen und zionistischen Dogmas. Der Gedanke lag dem Zionismus von Anfang an zugrunde, zuweilen verborgen hinter einem linken  Anstrich von Anpassung an die Realität der palästinensischen Präsenz  in diesem heiligen Land , aber nie sehr tief unter der Oberfläche. Der zionistische Glaube an eine jüdische  Überlegenheit ist niemals wirklich verborgen worden.  Ich begegnete dieser primitiven Form vor ein paar Jahren. Kurz nachdem die Intifada  2000 begann, schrieb mir ein Bekannter – kein Freund, aber ein verärgerter Fanatiker, der immer Israels Fall offen debattierte, jüdische Interessen lägen über denen der Palästinenser – eine Email, in der er  schloss, da es einfach  nicht genügend Platz für Juden und Palästinenser in Palästina gäbe, sollten die Palästinenser zurück nach Jordanien gehen, wo sie hergekommen seien  und Palästina den Juden überlassen, denen es ja gehöre, und die es dringend als Heimat brauchen. ( Die irrtümliche Vorstellung, dass die Palästinenser aus Jordanien kommen, ist ein das Gewissen reinigender Kniff der zionistischen Vorstellung, um zu „beweisen“, dass die Palästinenser ursprünglich nicht aus Palästina kommen, sondern  einfach Eindringlinge in einem jüdischen Land sind, und deshalb  würde ihnen kein Schaden zugefügt, wenn sie dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.) Ich sagte ihm, dass er  unrecht habe und vollkommen unmoralisch sei – ich fürchte, dies wird sein Gewissen nicht  besonders belasten-  es führte aber, glücklicherweise, zum Ende unseres Briefwechsels.

 

Die besondere Behauptung, die dieser besondere Mann vorbrachte, drückte  ungeschminkteren Rassismus aus als die meisten Unterstützer Israels zugeben würden – tatsächlich spiegelt seine Position  die offizielle Ansicht der israelischen Regierung und der US-Regierung wieder, die sie unterstützt. Letzten Endes enthält seine Position, die identisch ist mit der von Olmert, das Wesen des Zionismus und bestimmt die Basis der US-Politik gegenüber Israel und des Zionismus seit 58 Jahren also noch vor der Staatsgründung. D.h. dass Israels Interessen als jüdischer Staat und Israels „Rechte“ immer Vorrang haben – ohne Rücksicht auf die Interessen und Rechte der Palästinenser und dass palästinensische  Bedürfnisse nur dann berücksichtigt werden, wenn sie nicht mit denen der israelischen kollidieren oder die Palästinenser den israelischen Forderungen nachgeben. Im Grunde ist dies eine Politik, die  sich auf die Annahme  gründet, dass es „ in Palästina einfach keinen Raum für beide Völker gibt, für die Juden  und die Palästinenser“  und dass es nur eine einzige Lösung auf Dauer  für die Palästinenser gibt, in irgend einer Weise zu verschwinden. Es ist wie der PLO-Botschafter Afif Safieh  in den USA  gerne sagt: „Israel wünscht die palästinensische Geographie aber nicht ihre Demographie – das Land aber nicht das Volk.

 

Dieses palästinensische Verschwinden kann  nach israelischer Kalkulation auf verschiedene Weise erfüllt werden. Zunächst könnten sie, veranlasst werden, ganz Palästina zu verlassen; Israel hat seit seiner Entstehung mit verschiedenen Versionen auf diese Option hin gearbeitet:

Direkte Vertreibung, wie sie 1948 geschah, oder ein „freiwilliges“ Weggehen, indem man das Leben unerträglich macht, wie es heute geschieht – als den besten Weg, sich selbst vom palästinensischen „Problem“ zu befreien. Oder – als zweite Option – die Palästinenser könnten gezwungen werden, sich zu unterwerfen;  das ist das Schicksal der 20% der israelischen Bevölkerung, die palästinensisch ist und es war das Schicksal der Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen während der ersten zwanzig Jahre der Besatzung, als sie ruhig unter  israelischen Kontrolle waren. Diese Möglichkeit ist jedoch vom israelischen Standpunkt aus nicht mehr machbar, da in absehbarer Zeit es mehr Palästinenser als Juden in Palästina gibt, was den Zwang zur Unterwerfung für einen Staat unwahrscheinlich macht, der behauptet, ein demokratischer Staat zu sein .Dann gibt es noch eine 3. Option: die Palästinenser könnten in eine politische Unterwürfigkeit  gebracht werden, die sie aus Verzweiflung dahin führt, sich jeder Bedingung Israels zu unterwerfen. Genau das war es, was Yassir Arafat beim Unterzeichnen des Oslo-Abkommens tat und mit der Anerkennung von Israels Existenzrecht. So gab er alle Verhandlungspunkte der Palästinenser  aus der Hand, ohne dafür irgend ein Vereinbarung von Israel zu bekommen als Verhandlungen zu führen.

 

Da die 3. Option in Camp David im Jahr 2000 in sich zusammenstürzte, ist Israel wieder zur 1. Option zurückgekehrt. Der Oslo-Prozess  scheiterte  im Wesentlichen daran, dass Arafat im letzten Augenblick aufwachte, nachdem Israel versucht hatte, ein total ungenügendes Endabkommen zu erzwingen, und er sich weigerte, mit einer kompletten Kapitulation sich beschwichtigen zu lassen. Seit Arafats Aufwachen verfolgt die israelische Agenda -  rückhaltslos unterstützt von den USA und etwas weniger vom übrigen Westen - wieder die Option eins: man versucht auf die eine oder andere Weise, die Palästinenser dahin zu bringen, Palästina zu verlassen – mit anderen Worten, man versucht, die Palästinenser zur Kapitulation zu zwingen, zu Bedingungen, die totale jüdische Überlegenheit voraussetzt.

 

Die USA und der Westen arbeiten sehr daran, Israel bei der Kapitulation der Palästinenser  zu helfen. Während diese unter dem augenblicklichen Finanzboykott der Internationalen Gemeinschaft hungern,  setzen die Chefs der Medien wie die Washington Post noch eines darauf: den palästinensischen Opfern die Schuld dafür zu geben. „Die palästinensischen Führer haben eine lange Tradition,“ so  kürzlich die W-Post in einem Editorial über die Hilfsgelder-Krise, „das Leiden ihres eigenen Volkes  für politische Ziele auszunützen; Hamas sei zufrieden gewesen, die humanitäre Krise in der Westbank und im Gazastreifen zu fördern.“. Auch wenn die Logik dieser Beschuldigung, dass die Palästinenser  ihre Katastrophe  selbst verursacht haben, weil sie es unterlassen haben, so zu wählen wie die Washington Post und Israel es wollten, und weil die Hamas sich weigert, Israels Diktat nachzugeben,  nicht sofort klar ist, so hilft sie zu verstehen. dass die grundlegende  Annahme Israels und seiner Unterstützer in den USA die ist, dass Israels Forderungen und Rechte immer den Vorrang haben und die Palästinenser nur dann annehmbar sind, wenn sie diese anerkennen.

 

Kurz nach der Hamas-Wahl  im Januar  stellte Robert Satloff, der Direktor des Washingtoner Instituts  für Nahost-Politik – dem Beraterstab, der mit der Israel-Lobby AIPAC verknüpft ist – die wichtige Forderung auf. Satloff erklärte, das palästinensische Volk  müsse den Preis für seine Wahl zahlen  und dass es sollte ein „strategisches Ziel“ der Weltgemeinschaft sein, die Hamas-Regierung zu stürzen. Vor 20 Jahren beobachtete Satloff mit verblüffender Arroganz, dass die PLO in das einwilligte, was er die „Minimum –Eintrittsbedingungen“ nannte, um Israel anzuerkennen – Eintritt in Israels und seine Lobby –Welt, wo Juden die Vorrechte in Palästina haben und wo  Palästinenser nur dann zählen, wenn sie sich der jüdischen  Herrschaft beugen.

 

Diese Methode – tu,-was-ich-sage-oder  - charakterisiert jetzt die Stellungnahmen Israels und des Westens gegenüber den Palästinensern und setzt über die Forderung in Kenntnis, dass  Hamas Israels Existenzrecht anerkennen müsse. Bei einer Pressekonferenz am 23.Mai mit Olmert schalt Bush die Palästinenser und erklärte, dass von keinem Land ( in diesem Fall Israel) erwartet werden kann, dass es Frieden mit denen macht, die ihr Existenzrecht leugnen. Doch von den Palästinensern selbst wird erwartet, dass sie Frieden mit denen machen, die ihnen das Existenzrecht als Nation verweigern. Bush sieht hier keinen Widerspruch, weil er nicht an der  sich anmaßenden  Vorherrschaft von Israels Rechten in Palästina vorbeisehen kann.

 

Die Hamas-Wahl und die israelische und westliche Reaktion darauf, hat tatsächlich zwei grundlegende Probleme   aller Friedensverhandlungen offen gelegt, die Israel und die USA während der letzten Jahrzehnte formulierten: den Palästinensern war es erlaubt worden, daran  teilzunehmen  - es war ihnen überhaupt keine Rolle bei Versöhnungsbemühungen gegeben worden – nur wenn sie mit Israels Forderungen übereinstimmten. Aber diese Hauptforderung an die Palästinenser ist ein fundamentales Hindernis zu jeder wirklichen Lösung des Konfliktes.  Die Hartnäckigkeit, dass die Palästinenser „Israels Existenzrecht anerkennen müssen“ bedeutet für Israel und die USA nicht einfach, dass die Palästinenser schwören müssen, die Juden nicht ins Meer zu werfen . Solch drastische Schritte zu unternehmen, würden nicht einmal die militantesten Islamisten. Es bedeutet vielmehr die Anerkennung von Israels moralischer Rechtmäßigkeit. Für einen Palästinenser bedeutet dies, dass Israel  richtig gehandelt hatte, als es die Palästinenser  vertrieb, ihre Häuser und ihr Land nahm.

 

Diese Forderung ignoriert die Realität, dass Israel als ein spezifisch jüdischer Staat  in einem Land mit überwiegend nicht-jüdischer Bevölkerung  errichtet wurde und dass die Erhaltung der jüdischen Mehrheit die Vertreibung von  einem großen Teil  dieser nichtjüdischen Mehrheit bedeutet. Um George Bush  frei zu zitieren, kann von keinem Volk erwartet werden, dass mit ihm Frieden gemacht wird oder seine moralische Rechtmäßigkeit anerkannt wird,  wenn dieses versucht hat und noch weiter versucht, es zu zerstören. Die Forderung der palästinensischen Anerkennung von Israels moralischer Rechtmäßigkeit setzt eine Priorität Israels  über palästinensische Interessen  bei Friedens-verhandlungen voraus, die total jeden Verhandlungsprozess unterminieren, der beiden Seiten Gerechtigkeit bringen soll. Die palästinensische Anerkennung kann nicht die zentrale  Voraussetzung  für irgend einen Friedensprozess sein – zwangsmäßig  akzeptiert noch bevor der Prozess beginnt – solange Israel sich weigert, ein ähnlich moralisches Recht der Palästinenser anzuerkennen.

 

1988 erkannte die PLO Israels Existenzrecht  als eine Bedingung für ihre Teilnahme an Friedensverhandlungen an, aber  jeglicher palästinensischen  Verpflichtung,  an dieser Anerkennung festzuhalten, ist mit einer Weigerung Israels, eine entsprechende Anerkennung der palästinensischen Existenz anzubieten,  begegnet worden. Die schwerwiegende Ungerechtigkeit, die den Palästinensern 1948 und in den Jahrzehnten danach zugefügt wurde, ist nie wieder gut gemacht worden – und dies muss das Hauptthema eines Verhandlungsprozesses werden. Aus genau diesem Grund, dass es keinen  palästinensischen Staat gibt, sollte der Hauptkern jeglicher Verhandlung nicht der sein, dass Israels Rechtmäßigkeit anerkannt wird, sondern die Anerkennung  des palästinensischen Rechtes zu existieren als ein unabhängiger, lebensfähiger, souveräner Staat.  Israel besteht und ist in keiner Gefahr. Die dauernde Sorge um seine Existenz und die dauernden Forderungen,  dass die Palästinenser ihn als jüdischen Staat anerkennen, ohne eine entsprechende Forderung an Israel bestätigt, dass die jüdischen Rechte übergeordnet sind. Dies ist eine grundsätzlich ungerechte und unmoralische Vermessenheit in den internationalen Beziehungen, wie in allen menschlichen Beziehungen.  Weder Israel noch die USA werden jemals Frieden haben, solange Israel  nicht dahin gebracht wird, das Volk, das es in Palästina verdrängt hat, als Gleichberechtigte im Land anzuerkennen.

 

Kathleen Christison ist frühere politische Analytikerin der CIA gewesen und arbeitete seit 30 Jahren  über Nahostprobleme . Sie ist die Autorin von „ Perceptions of Palestine and the Wound of Dispossession”.  Kathy.bill@christison-santafe.com

 

(dt. und *Untertitel : Ellen Rohlfs)

 

 

 

F.A.Z., 01.07.2006

Kein Strom, kein Wasser. Israels Krieg gegen die Zivilbevölkerung

Von Jörg Bremer

JERUSALEM, 30. Juni. Der israelische Ministerpräsident Olmert hat in den zurückliegenden Tagen beteuert, bei den militärischen Operationen im Gazastreifen und der Befreiung des israelischen Soldaten gehe es nicht darum, die palästinensische Zivilbevölkerung zu bestrafen. Tatsächlich aber geschieht das, obwohl die Genfer Konvention bei Kriegshandlungen jede "Kollektivstrafe" verbietet.

Vor drei Jahren hatte Israel mit der palästinensischen Autonomiebehörde vereinbart, daß die Energieversorgung von dem Konflikt unberührt bleiben solle. Gegen diese Übereinkunft hat Israel jetzt verstoßen. Die Luftwaffe hat mit gezielten Angriffen die sechs Generatoren des einzigen palästinensischen Elektrizitätswerkes südlich von Gaza zerstört. In der folgenden Nacht versuchte die Armee, auch noch die Hauptleitung zu zerstören. Die Operation schlug fehl.

Mehr als 700000 Palästinenser sind dem Vernehmen nach derzeit ohne Strom. Das kommt im heißen Sommer freilich nicht nur dem Ausfall der Klimaanlage gleich. 130 Brunnen arbeiten mit Strom und können nun kein Wasser pumpen. Da Israel auch die Lieferung von Diesel blockiert, werden bald auch die mit diesem Treibstoff betriebenen Pumpen nicht mehr arbeiten. In vielen Krankenhäusern stehen seit Anfang der Woche die elektrisch betriebenen Geräte nicht mehr. Den wenigen dieselbetriebenen Notstromaggregaten dürfte bald der Treibstoff ausgehen. Dann wird auch die ärztliche Notversorgung unterbrochen werden müssen. Wer als Diabetiker Insulin spritzen muß, wird bald zu leiden haben; denn Insulin muß kühl gelagert werden. Wer noch einen Fisch im Kühlschrank hat, muß ihn nun essen, bevor er verdirbt.

Die Zahl der durch die Zerstörung des Elektrizitätswerks betroffenen Arbeitskräfte ist schwer einzuschätzen. Zahlreiche Werkstätten sind geschlossen. Und schnell läßt sich das israelische Zerstörungswerk nicht ausgleichen. Selbst wenn sofort sechs neue Generatoren bereitstünden: Die Techniker sagen, sie bräuchten sechs Monate, bis die Stromversorgung wieder störungsfrei funktionieren wird.

Das Elektrizitätswerk im Süden von Gaza war mit Hilfe des amerikanischen Enron-Konzerns Ende der neunziger Jahre errichtet und 2001 in Betrieb genommen worden. Es hätte wohl den gesamten Gazastreifen versorgen können, doch der Norden wurde weiterhin von Israel mit Strom beliefert. Daher war das Werk nur zu sechzig Prozent ausgelastet. Unvergessen sind die Augenblicke, in denen hoher, aber offenbar in Israel mißliebiger Besuch bei PLO-Chef Arafat in Gaza dadurch gestört wurde, daß unvermittelt das Licht ausging. Womöglich sah es Israel ungern - darauf läßt der lange Genehmigungsprozeß des Elektrizitätswerks schließen -, daß sich die Autonomiegebiete mit amerikanischer Unterstützung aus der Abhängigkeit befreiten.

Die Abhängigkeit der Palästinensergebiete von Israel ist nicht auf Elektrizität beschränkt. Weil Israel den Grenzpunkt Karni trotz der von der amerikanischen Außenministerin Rice im November vereinbarten Regelung häufiger geschlossen hielt, als es die Sicherheitslage erforderte, konnte die Landwirtschaft rund um die von den israelischen Siedlern hinterlassenen Gewächshäuser nicht florieren. Die israelischen Produzenten mußten sich also keiner Konkurrenz erwehren, aber in den palästinensischen Gebieten bildete sich kein Unternehmertum, das die Gesellschaft dem Islamismus entfremden könnte.

Auch palästinensische Arbeitskräfte können seit Tagen nicht mehr ihre Arbeitsplätze in Israel erreichen. Alle Grenzübergänge sind blockiert. Die Verarmung schreitet voran und stärkt den Extremismus. Auch warten dieser Tage viele tausend Palästinenser im ägyptischen Rafah, um in den Gazastreifen zurückzukehren.

Israel hat außer dem Elektrizitätswerk auch eine Brücke zerstört, unter der eine Hauptwasserleitung verläuft, die den Norden mit dem Süden verbindet. Wer keinen eigenen Brunnen hat (sie führen allerdings meist versalzenes Wasser) oder nicht noch über Zisternen mit Regenwasser verfügt, der ist heute auch ohne fließend Wasser. Man spricht von mehr als einer Million Palästinensern.

 

 

INTERVIEW: DOROTHEA HAHN

taz vom 20.7.2006

"Israel ist doch der Angreifer"

Die Eskalation in Nahost zeigt, dass der israelische Rückzug aus Gaza nur Taktik war. Israel will die Besatzung nicht aufgeben - und die USA und die EU unterstützen diese Position, so der französische Publizist Alain Gresh

taz: Herr Gresh, wie erklären Sie das aggressive israelische Vorgehen?

Alain Gresh: Das ist Teil einer Eskalation, die schon vor langer Zeit begonnen hat. Israels will unilateral Grenzen für die Zukunft des israelischen Staates fixieren. Und jede Form von Widerstand gegen seine Dominanz brechen. Nicht nur den militärischen, sondern auch den Widerstand in den Köpfen. Getreu dem alten kolonialen Sprichwort: "Die Araber verstehen nur die Gewalt."

 

Sie betrachten das als lang vorbereitete Aktion. Nicht als Reaktion auf die Soldaten-Entführung?

Es gibt keinen Zusammenhang mit den Entführungen. Im Fall von Gaza wissen wir genau, dass das lange vor der Entführung geplant war. Davon spricht auch die israelische Presse. Und im Libanon geht die israelische Regierung nicht zu Unrecht davon aus, dass sie die USA hinter sich hat. Das ist nicht neu. Aber jetzt unterstützen auch die meisten europäischen Länder die israelische Regierung. Das Kommuniqué der EU vom Montag enthält keinerlei Verurteilung der israelischen Aktion. Das ist völlig neu. In diesem Kontext hat Israel freie Hand im Libanon.

 

Aber im Inneren der EU gibt es Unterschiede. Nicht alle Mitgliedsregierungen reagieren so unentschieden wie Berlin.

Global gibt es die Haltung, Israel habe das Recht, sich zu verteidigen. Dabei ist Israel der Angreifer. Das ist eine seltsame Situation. Wir befinden uns im 40. Jahr der Besatzung von Gaza und dem Westjordanland. Trotz Dutzender von Verurteilungen durch die UN geht die Politik der Beschlagnahmung von Land weiter.

 

Also ist Krieg das richtige Wort für diesen Konflikt?

Das ist ein echter Krieg. Aber zwischen zwei Protagonisten, die nicht über dieselben Mittel verfügen. Am gefährlichsten ist, dass es in Washington eine Reihe von Leuten gibt, die den Konflikt ausdehnen möchten. Auf Syrien und einige auch auf den Iran.

 

Hat auch Israel diese weitergehenden Absichten?

Die Leitartikler in den USA und in Israel, und zwar nicht nur die neokonservativen, meinen, dass die demokratische Welt einer Allianz des Bösen gegenübersteht, die durch die Hamas, die Hisbollah, den Iran und Syrien repräsentiert wäre. Sie wollen von der aktuellen Lage profitieren, um diese Allianz zu zerstören. Für sie ist dieser Konflikt Teil des Vorgehens gegen den Terrorismus. Die reale Basis des Konflikts - die Besatzung von Palästina und die Zerstörung des Libanon - betrachten sie als zweitrangig.

 

Sie meinen, dass die Bomben auf den Libanon mit den USA abgesprochen waren?

Grünes Licht hat Israel auf jeden Fall bekommen. Das sage nicht ich, sondern das sagen US-Kommentatoren. Dieses grüne Licht gilt auch jetzt noch. Die Amerikaner sind gegen einen sofortigen Waffenstillstand. Sie wollen erst einmal die Israelis die Arbeit erledigen lassen.

 

Welche Rolle spielt Gaza?

Gaza ist interessant, weil seine Evakuierung vor einem Jahr als mutige Geste Israels galt. Jetzt sieht man, dass das ein taktisches Manöver war. Gaza ist ein großes Gefängnis geworden - mit Gefangenenwärtern, die sich außerhalb des Gefängnisses befinden und die Möglichkeit haben, zu bombardieren. Gaza hat keinen Zugang zur Außenwelt. Aus Israels Versprechungen - zum Beispiel eine Route zwischen Gaza und dem Westjordanland - ist nichts geworden. Freier Warenverkehr ist nicht mehr möglich. Es gibt Zerstörungen. Und die Zivilbevölkerung ist Geisel.

 

Welchen Einfluss hat die EU-Politik auf die Eskalation?

Die Eskalation hat viel mit der Annäherung der EU an die USA und Israel zu tun. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Erweiterung der EU auf 25 Mitglieder, die dafür gesorgt hat, dass Länder in die EU eingetreten sind, die proisraelischer sind. Dann die Wende in der französischen Politik zugunsten Israels. Dann die innere Spaltung der EU. All das trägt zur Marginalisierung der Politik der EU bei.

 

Hat der Boykott der palästinensischen Regierung die Eskalation beschleunigt?

Ja. Denn die Suspendierung der Direkthilfe hat die materiellen Verhältnisse der Palästinenser verschlechtert und so die Extremisten gestärkt.

 

Sie sprechen von einer Wende in der französischen Nahostpolitik. Aber aus Paris sind am Montag der Premierminister und der Außenminister doch in den Libanon gereist.

Es gibt eine besondere französische Beziehung zum Libanon. Frankreich hat ziemlich viel beim Wiederaufbau des Libanon finanziert. Frankreich hat auch eine Rolle beim Zustandekommen der UN-Resolution 1559 (die Auflösung der bewaffneten Milizen im Libanon, A. d. Red.) gespielt und bei dem Rückzug der syrischen Truppen. Paris will zeigen, dass es präsent ist. Aber man spürt kein echtes Engagement mehr. 1996, als Israel unter Schimon Peres den Süden des Libanon bombardiert hat, ist der damalige Außenminister Hervé de Charette hingefahren, hat den Angriff klar verurteilt und gesagt: Ich bleibe bis zum Waffenstillstand. Er war zwei Wochen in der Region. Hat Verhandlungen zwischen Syrien, Hisbollah und Israel geführt. Heute haben wir keinen Kontakt mehr mit Syrien. Und nur noch sehr wenig zur Hisbollah. Auch Frankreich betrachtet jetzt die Hamas und die Hisbollah als Hauptverantwortliche der Eskalation. Und hat auch der Suspendierung der Direkthilfe für die palästinensische Regierung zugestimmt.

 

Was hat die Wende in der französischen Nahost-Politik ausgelöst?

Es gibt viele Gründe. Zuvorderst die Krise der französischen Politik, die nichts mit dem Nahen Osten zu tun hat, aber jede Politik schwierig macht. Dann gibt es die Sorge vor den Konsequenzen der französischen Position vom Jahr 2003. Frankreich will auf jeden Fall die Beziehungen zu den USA wiederherstellen. Bezogen auf den israelisch-palästinensischen Konflikt waren viele französische Spitzenpolitiker schwer getroffen durch den Vorwurf, Frankreich sei "antisemitisch". Heute fährt keiner von ihnen mehr in die USA, ohne die amerikanischen jüdischen Organisationen zu treffen.

 

Man darf also aus Paris keine Alternative zur Nahostpolitik der USA erhoffen?

Ich glaube es nicht.

 

Was muss geschehen, um diesen Krieg zu beenden?

Ich befürchte, die EU und die USA sind so stark auf der israelischen Linie, dass es noch weitere Eskalationen geben muss, bevor es zu einer klaren Verurteilung durch diese Gemeinschaft kommt.

 

Das ist hart.

Sehr hart.

 

 

 

Französisch-jüdischer Publizist kritisiert israelisches Vorgehen

Alfred Grosser gegenüber Vorschlag einer UN-Truppe skeptisch

Moderation: Joachim Scholl

Der französisch-jüdische Politologe und Publizist Alfred Grosser hat seine harte Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon erneuert. Die Regierung in Jerusalem müsse im Kampf gegen die Hisbollah umdenken. Jede israelische Bombe bringe mehr Libanesen an die Seite der radikal-islamischen Miliz.

Scholl: Trotz vieler diplomatischer Bemühungen wird weiterhin im Libanon gekämpft. Die Meinungen über das Vorgehen Israels sind geteilt. Jedermann versteht das Recht auf Selbstverteidigung, dennoch ist der militärische Effekt der Bombardements gering. Hunderte von Zivilisten sind umgekommen, Zehntausende auf der Flucht. Dazu sagt der Politologe und Publizist Alfred Grosser, zu lesen in einem Interview der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", Israel begeht im Libanon nichts anderes als Kriegsverbrechen. Er ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Grosser.

Grosser: Guten Tag.

Scholl: Sie sind jüdischer Abstammung, Herr Grosser?

Grosser: Ja, völlig, nach Hitler bin ich 100 Prozent Jude, ja.

Scholl: Ein sehr prominenter und renommierter europäischer Intellektueller, dessen Wort Gewicht hat. Man wird es auch in Israel hören, was wollen Sie erreichen?

Grosser: Erreichen, dass man in Deutschland aufweckt, dass man nicht mehr sagt, es gibt diplomatische Bemühungen, sondern dass man sagt: Warum schweigt Europa? Bush steht völlig hinter Israel, aber Europa soll an solchen Verbrechen an Libanon nicht schweigen und sagen, dass das überhaupt nicht gelten kann, dass man ein Land zerstört, dass man Städte zerstört, Elektrizitätswerke zerstört, Flughafen zerstört, Schiffe nicht in den Hafen reinlässt, nur alles, weil man sagt, man sei im Krieg mit der Hisbollah.

Scholl: Die Hisbollah im südlichen Libanon hat Israel permanent attackiert. Die Entführung der israelischen Soldaten haben für die Regierung das Fass zum Überlaufen gebracht. War, Herr Grosser, eine scharfe Reaktion nicht erwartbar? Trägt die Hisbollah nicht auch mit Verantwortung für die Eskalation?

Grosser: Ja natürlich, aber werden Sie sagen, zum Beispiel, Entführung von Soldaten, wenn es Krieg ist, dann sind das Kriegsgefangene, die auszutauschen sind gegen andere Kriegsgefangene. Wenn es kein Krieg ist, wieso dann diese Bombardierung? Dann sind es Geiselnahmen. Aber es ist Geiselnahme nur, wenn es keinen Krieg gibt.

Scholl: Wir in Deutschland fühlen uns verständlicherweise unsicher. Wir stehen auf der Seite Israels gegen den Terror, aber natürlich finden wir Bomben, die Zivilisten treffen, entsetzlich. Sie haben es schon angedeutet, aber inwieweit müsste denn die deutsche Regierung eindeutiger Position gegen die kriegerischen Mittel beziehen?

Grosser: Ja, das sollte sie schon tun und man lässt sich in Deutschland ständig einschüchtern, in Frankreich übrigens auch. Man spricht von humanitären Interventionen zu Gunsten der Zivilbevölkerung, die Krankenhäuser sind bombardiert, es gibt kaum noch Arzneimittel, es kommen Hunger und Durst und all das wird übergangen. Die vierte Republik in Frankreich ist 1968 zusammengebrochen, unter anderem, weil es einen Aufschrei gab gegen das Kriegsverbrechen von Frankreich, dass ein paar Bomben auf ein tunesisches Dorf fiel, weil sich dort Freiheitskämpfer, algerische Freiheitskämpfe, verschanzt hatten. Das galt damals als ein Kriegsverbrechen. Und das Ausmaß im Libanon das geschieht, ist tausend Mal mehr als das, was damals Frankreich getan hat.

Scholl: Der israelische Politologe Shlomo Avineri hat letzte Woche hier im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur gesagt, dass die Welt sich einfach daran gewöhnt habe, dass Israel Tag für Tag unter Beschuss stünde. Was seien schon zwei bis drei Raketen am Tag, so ungefähr. Und jetzt sollten wir uns mal vorstellen, das passiere jeden Tag in Deutschland. Das ist natürlich polemisch zugespitzt, aber Schlomo Avineri berührt ja einen wunden Punkt. Steht es uns überhaupt zu, Israel zu kritisieren?

Grosser: Ja, natürlich steht es Ihnen zu! Man war ja nicht nur gegen Hitler wegen Antisemitismus und wegen Auschwitz, sondern gegen Hitler wegen der Demütigung aller Menschen, die nicht Deutsche waren. Hier wird ununterbrochen seit Jahrzehnten in Gaza, Israel hat sich das Recht eingestanden zu töten, wen er will, einzugreifen, wo es will, und wenn man sagt, Israel steht unter Bomben, Gaza steht ständig unter Beschuss und die Demütigung der Palästinenser ist enorm und wenn das in Deutschland gesagt wird, gibt es eine Pressezensur. Ich bin zum Beispiel vom "Focus" zensiert worden, weil ich von einem Buch gesprochen habe, von dem ich sprechen sollte, von meinem Freund Rupert Neudeck, das heißt "Ich will nicht mehr schweigen" über das Schicksal der Palästinenser.

Scholl: Der Historiker Michael Stürmer sagt in seinem neuen Buch, das im August erscheint, dass der Rückzug der Israelis aus dem Libanon im Jahr 2000 von der Hisbollah als Zeichen der Schwäche gedeutet wurde. Im Westen wurde der Rückzug als Friedenssignal begrüßt. Jedes Zeichen von Israel, Rückzug auch aus dem Gazastreifen, hat ja keine Befriedung der Lage gebracht.

Grosser: Aber umgekehrt genauso nicht. Was hat die Anerkennung von Israel durch Arafat den Palästinensern gebracht? Was hat die Einrichtung einer Regierung gebracht, außer dass Israel von Anfang an her jedes Mittel verweigert hat und die palästinensischen Polizisten auch beschossen hat, wenn Attentate waren, anstatt sie einzusetzen. Und da könnte man lange aufrechnen.

Aber das Heutige ist, das Wichtige ist, dass ein Land total zerstört wird. Gestern gab es in Paris eine große Demonstration zu Gunsten Libanon. Es trifft sich, dass an sich Frankreich mit Libanon viele Beziehungen hat. Ich bedaure, dass unser Präsident nur sagt, es soll humanitär, soll gerettet werden, was gerettet werden kann, und nicht sagt, es ist unerträglich, dass diese Zerstörung eines Landes durchgesetzt wird.

Scholl: Das sagen Sie jetzt auch als französischer Staatsbürger in Richtung Jacques Chirac. Wie beurteilen Sie generell das Verhalten der Europäer? Viel zu zögerlich?

Grosser: Ja, viel zu zögerlich, viel zu schweigsam, viel zu darauf bedacht, nicht das Gegenteil von George Bush zu tun. Und George Bush hat völlig die Linie verlassen, die andere Präsidenten vor ihm gegangen sind, zum Beispiel Carter oder ein Außenminister wie Kissinger, die versucht haben zu vermitteln. Jetzt gibt es nichts mehr zu vermitteln, wenn der amerikanische Präsident sagt, ich lege ein Veto ein, sollte es eine Resolution der UNO geben, dass Israel irgendwie verurteilt, und seit Jahrzehnten entweder gibt es diese amerikanische Veto oder Israel folgt nicht den Vereinten Nationen, obwohl es von Vereinten Nationen gegründet worden ist. Und jetzt heißt es, die libanesische Regierung hat sich nicht einer Verpflichtung, einer Resolution der UNO gebeugt, aber wer hat angefangen sich nicht zu beugen?

Scholl: Wie beurteilen Sie die Chancen einer UN-Streitmacht die Hisbollah zu entwaffnen?

Grosser: Also, daran glaube ich keineswegs, die kann nur kommen, wenn es aufgehört hat zu kämpfen. Und Israel sagt ja auch, erst muss mal der Kampf durchgesetzt werden. Was heißt denn Kampf durchsetzen, wenn jede israelische Bombe mehr Libanesen auf die Seite des Hisbollah bringt? Israel will nicht einsehen, wie viel die Demütigung und die Eingriffe überall Hass entzündet haben, bei denen, die getroffen wurden.

Bei uns im Algerienkrieg, ich habe gegen diesen Algerienkrieg, eben weil ich Franzose war, gekämpft, genauso wie ich Israel kritisiere, weil ich Jude bin. Und damals stand ich auf der Seite des Bischofs von Algier, des katholischen Bischofs, der sagte, jedes zerstörte Dorf, jeder unschuldige Getötete bringt neue Terroristen hervor. Und die Regierung sagte damals, wie die israelische Regierung, die Attentate müssen aufhören, bevor die Repressalien aufhören.

Scholl: Nun sind die Fronten jetzt aber sehr verhärtet. Die diplomatischen Möglichkeiten scheinen gering, die Krise zu lösen. Was fordern Sie von Israel?

Grosser: Ja, das müsste eine völlige Umstellung der Geister sein an der Regierung. Man kann nur fragen, dass israelische Leiter daran denken, dass auf der anderen Seite Menschen sind, mit denen man sprechen muss, mit denen man Mitgefühl haben muss und nicht Menschen, die man ständig demütigt. In diesem Sinne habe ich auch gesagt, und das wurde mir sehr übel genommen, dass Daniel Barenboim viel mehr für den Frieden getan hat als Scharon.

Scholl: Mit seinem Orchester.

Grosser: Der Orchesterchef, ja.

Scholl: Jetzt scheinen solche kulturellen Bemühungen ja irgendwie nichtig.

Grosser. Ja, aber er hat wenigstens Ansatz gesetzt, wenn sie Zusammenarbeit machen, kann zwischen Leute, die sich heute bekriegen, also von deren Vertreter sich heute bekriegen, und den Frieden nur mit Bomben lösen, das hat noch niemand fertig gebracht außer durch die Zerstörung des Gegners, aber in dem Fall ist Libanon gar nicht der Gegner.

Scholl: Nun hat der Konflikt ja auch einen größeren geopolitischen Rahmen, wenn man so will, also Syrien und der Iran kochen natürlich auf dem Konflikt ihr eigenes Süppchen. Ist das hier aber dann nicht einfach naiv, von Israel zu verlangen, sozusagen die Friedenstaube zu starten?

Grosser Warum naiv? Seit 40 Jahren ist die Lage unsicher. Wie kann man Sicherheit gewinnen außer mit Vertrauen? Und dieses Vertrauen wird immer weniger entstehen. Und wenn zum Beispiel die israelischen Bürger moslemischen Glaubens auch misshandelt werden, auch gedemütigt werden, ist es kein Fortschritt für die Zukunft.

 

»Wir vernichten uns selbst«

Gespräch mit dem geschmähten israelisch-niederländischen Militärhistoriker Martin van Creveld

"Wir haben die Möglichkeit, die Welt mit uns zusammen untergehen zu lassen. Und ich kann Ihnen versprechen, daß dies auch geschieht, bevor Israel untergeht. Wir haben einige Hundert von Atomsprengkörpern und Raketen und können sie auf Ziele überall werfen, vielleicht selbst auf Rom. Mit Flugzeugen sind die meisten europäischen Hauptstädte ein Ziel.

Das bekannte niederländische Magazin »ELSEVIER« veröffentlichte ein Gespräch mit dem israelisch-niederländischen Militärhistoriker Martin van Creveld.
Hier die Übersetzung aus dem Niederländischen:

von Summutt - 20.01.2003 18:48

»Wir vernichten uns selbst«
»In Israel zeichnet sich ein fluchbeladenes Szenario ab
Gespräch mit dem geschmähten israelisch-niederländischen Militärhistoriker Martin van Creveld.

Professor Martin van Creveld, international bekannter und umstrittener Professor der Militärgeschichte an der hebräischen Universität in Jerusalem, sieht für die weitere Zukunft nur extreme Entwicklungen voraus. Die Art und Weise, wie Israel momentan gegen die Intifada kämpft, sei zum Scheitern verurteilt. Die Möglichkeiten eines Friedensprozesses und der Gründung eines palästinensischen Staates nehmen zusehends ab.
Ein Gespräch mit einem Pessimisten, der, wie er sagt, im eigenen Land geschmäht wird:

Ihre Spezialität ist Krieg. Ist hier überhaupt von Krieg die Rede?

Ja doch, obwohl es bei den Palästinensern keine Regierung, keine Armee und kein Volk gibt. Es geht alles durcheinander. Deshalb auch werden wir den Krieg nicht gewinnen. Wenn wir jeden Terroristen identifizieren und eliminieren könnten, würden wir diesen Konflikt innerhalb von 48 Stunden gewinnen. Die palästinensische Verwaltung hat dieselben Schwierigkeiten. Selbst wenn Arafat sich in Anbetracht unserer Bedingungen morgen entschließen würde zu kapitulieren, würde nahezu sicher die Intifada weitergehen.

Gibt es auf der israelischen Seite auch etwas Ähnliches?

Wenn die Auseinandersetzung sehr lange dauert, wird die israelische Regierung die Kontrolle über das Volk verlieren. Denn die Leute werden dann sagen: „Diese Regierung kann uns nicht schützen, was kann sie dann überhaupt noch für uns tun? Wenn die Regierung nicht gewährleisten kann, daß wir morgen noch leben, was bringt uns das noch? Wir werden uns selbst verteidigen.”

Also Israel hat im voraus schon verloren?

Ich will dazu Kissinger zitieren: »In Feldzügen wie diesen verlieren die Antiterror-Brigaden, weil sie nicht gewinnen, und die Rebellen gewinnen dadurch, daß sie nicht verlieren
Das trifft hier sicher zu. Ich betrachte eine totale israelische Niederlage als unabwendbar. Das bedeutet den Zerfall der israelischen Gesellschaft und des Staates. Wir werden uns selbst vernichten.

Hat die neuerliche israelische Militäroffensive überhaupt noch einen Sinn?

Die Militäroffensive ist total nutzlos, die Palästinenser werden dadurch nur noch zorniger werden. Möglicherweise kehrt für eine kurze Zeit Ruhe ein, aber letzten Endes wird es doch noch mehr Selbstmordanschläge geben.

Ist da noch Hoffnung?

Wenn ich Arafat wäre, würde ich auch nicht damit aufhören. Ich würde nur aufhören im Tausch für ein sehr weitreichendes politisches Abkommen. Und es sieht so aus, daß wir eine Art Regierung haben, die Arafat ein solches nicht anbieten wird. Wenn es heute Wahlen gäbe, würden die Linken völlig weggewischt werden.

Manche behaupten, daß der Feind von auswärts Israel gerade zusammenhält.

Das ist richtig. Ich wünschte mir, daß es auswärtige Feinde wären, aber das ist nicht der Fall. Wir haben so viele Jahre gegen unsere äußeren Feinde gekämpft. Jedes Mal, wenn es Krieg gab, haben wir einen ganz großen Hammer genommen, um unsere Feinde damit zu treffen, und nachdem sie einige Male eine Niederlage erlitten haben, ließen sie uns in Ruhe.
Das Problem mit dem palästinensischen Aufstand ist, daß er nicht von außen kommt, sondern von innen. Deswegen können wir den Hammer nicht benutzen.

Also ist die Lösung, die Palästinenser außerhalb der Grenze zu halten?

Genau, und darüber gibt es momentan eine fast hundertprozentige Übereinstimmung. Wir müßten eine Mauer bauen, die „so hoch ist, daß kein Vogel darüber hinweg fliegen kann”.
Das einzige Problem ist, wo wird die Grenze gezogen? Weil wir uns nicht entscheiden können, ob die in 1967 eroberten Gebiete dazugehören oder nicht, improvisieren wir vorläufig nur ein bißchen. Wir bauen eine Serie von kleinen Mauern, die viel schwieriger zu schützen sind. Das ist aus militärischer Sicht sehr dumm. Jeder Supermarkt hat allmählich seine eigene lebende Mauer von Wachmannschaften. Die eine Hälfte der israelischen Bevölkerung schützt die andere Hälfte, unglaublich. Das bedeutet eine entsetzliche Verschwendung und ist fast vollkommen nutzlos.

Das bedeutet, daß die Palästinenser also innerhalb der Grenzen bleiben?

Nein, das bedeutet, daß sie alle deportiert werden. Die Leute, die dies anstreben, warten nur auf den richtigen Führer und die geeignete Stunde. Vor zwei Jahren waren nur 7 oder 8 Prozent der israelischen Bevölkerung der Meinung, daß dies die beste Lösung wäre, vor zwei Monaten waren es schon 33 Prozent und jetzt sind es nach einer Gallup-Umfrage 44 Prozent.

Wird das denn jemals stattfinden können?

Sicher, denn verzweifelte Zeiten haben verzweifelte Maßnahmen zur Folge. Momentan steht es 50:50, wo die Grenze gezogen wird. Vor zwei Jahren wollten 90 Prozent die Mauer entlang der alten Grenze bauen. Das hat sich jetzt völlig geändert, und wenn es so weiter geht, wenn der Terror nicht aufhört, wollen in zwei Jahren vielleicht 90 Prozent die Mauer entlang des Jordan bauen.
Die Palästinenser sprechen von „Summutt”, das bedeutet durchhalten und sich an Grund und Boden festklammern. Ich habe enorme Achtung vor den Palästinensern, sie kämpfen heldenmütig. Aber wenn wir tatsächlich über den Jordan stoßen wollen, würden wir dazu nur einige Brigaden benötigen. Wenn die Syrier oder Ägypter das zu verhindern versuchen würden, würden wir sie ausradieren. Der Führer ist Ariel Sharon. Er hat immer einen Plan, er improvisiert nicht.

Den Plan, die Palästinenser zu deportieren?

Ich denke, daß es sehr gut möglich ist, daß er das anstrebt. Er will den Konflikt eskalieren lassen. Er weiß, daß alles, was wir sonst machen, keinen Erfolg haben wird.

Denken Sie, daß die Welt eine derartige ethnische Säuberung zulassen wird?

Das liegt daran, wer es macht und wie schnell es geht. Wir haben einige Hundert von Atomsprengkörpern und Raketen und können sie auf Ziele überall werfen, vielleicht selbst auf Rom. Mit Flugzeugen sind die meisten europäischen Hauptstädte ein Ziel.

Dann wird Israel ein Schurkenstaat sein?

Ich will dazu General Moshe Dayan zitieren: „Israel muß wie ein toller Hund sein, zu gefährlich, um ihn zu berühren”.
Ich halte alles dies jetzt für eine hoffnungslose Situation. Wir werden versuchen müssen zu vermeiden, daß es so weit kommt, wenn nur irgendwie möglich.
Aber unsere Armee ist von der Stärke her nicht die Nummer 30 in der Welt, sondern die Nummer 2 oder 3. Wir haben die Möglichkeit, die Welt mit uns zusammen untergehen zu lassen. Und ich kann Ihnen versprechen, daß dies auch geschieht, bevor Israel untergeht.

Dies ist aber nicht Ihre eigene Vorstellung?

Natürlich nicht. Sie fragten mich, was geschehen könnte und ich habe das beschrieben. Es ist nur die Frage, ob es nicht schon zu spät ist für die andere Lösung, die ich befürworte, und ob die israelische öffentliche Meinung davon noch überzeugt werden kann. Ich denke, daß es zu spät ist. Mit jedem Tag, der vorübergeht, wird die Vertreibung der Palästinenser wahrscheinlicher. Die Alternative wäre die totale Vernichtung und Desintegration Israels. Was also erwarten Sie von uns?

Das Gespräch führte Ferry Biedermann in Jerusalem

 

 

Die Kritik an der Politik Israels wächst. Am meisten Wirbel hat in den letzten Tagen mit Artikelen in der FAZ und im Spiegel die Stellungnahme von J. Gaarder aus Norwegen hervorgerufen. Er ist hier vor allem durch "Sofies Welt" bekannt geworden.

In deutschen Medien konnte ich seinen Artikel nicht finden, nur die Reaktionen: Ich gebe ihn daher hier in einer englischen und deutschen Übersetzung weiter: (Fundort: Wikipedia!)

Gottes auserwähltes Volk

Jostein Gaarder, Aftenposten 05.08.06

 

/Aus dem Englischen übersetzt nach einer Übersetzung aus dem

Norwegischen des Simon-Wiesenthal-Zentrums

*http://norskisraelsenter.no/engl/antis/2006-08-08-swc-gaarder.php#garder-artic*

 

Es gibt keine Umkehr. Es ist an der Zeit, eine neue Lektion zu lernen: Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an. Wir konnten das südafrikanische Apartheid-Regime nicht anerkennen, und ebenso wenig das

afghanische Taliban-Regime. Und es gab viele, die Saddam Husseins Irak oder die ethnischen Säuberungen der Serben nicht anerkannten. Wir müssen uns nun an den Gedanken gewöhnen: der Staat Israel in seiner jetzigen Form ist Geschichte.

Wir glauben nicht an die Idee eines von Gott auserwählten Volkes. Wir lachen über die Hirngespinste dieses Volkes und weinen über seine Untaten. Als Gottes auserwähltes Volk zu handeln ist nicht nur dumm und arrogant, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir nennen es

Rassismus.

 

Grenzen der Toleranz

 

Es gibt Grenzen unserer Geduld, und es gibt Grenzen unserer Toleranz. Wir glauben nicht an himmlische Versprechen als Rechtfertigungen für  Besatzung und Apartheid. Wir haben das Mittelalter hinter uns gelassen.  Wir lachen unbehaglich über jene, die noch immer glauben, dass der Gott der Flora, Fauna und Galaxien ein einzelnes Volk vor den anderen als  sein Liebstes auserwählt und ihm lustige Steintafeln, brennende Büsche  und eine Lizenz zum Töten überreicht hat.

Wir nennen Kindermörder ‘Kindermörder’ und werden niemals akzeptieren, dass diese ein gottgegebenes oder historisches Mandat besitzen sollen, das ihre Schandtaten rechtfertigt. Wir sagen nur dieses: Schande über alle Apartheid, Schande über Ethnische Säuberungen, Schande über jeden

Terroranschlag auf Zivilisten, ob er nun von Hamas, Hisbollah oder dem  Staat Israel verübt wird!

 

Skrupellose Kriegführung

 

Wir anerkennen Europas tiefe Verantwortung für das Leid der Juden und nehmen sie auf uns, für die schändliche Verfolgung, die Pogrome, und den  Holocaust. Es war eine historische und moralische Notwendigkeit für die Juden, ihre eigene Heimat zu erhalten. Der Staat Israel hat jedoch, mit

seiner skrupellosen Kriegführung und seinen abscheulichen Waffen, seine eigene Legitimität massakriert. Er hat internationales Recht, internationale Konventionen und unzählige UN-Resolutionen zum Gespött

gemacht, und kann nicht länger Schutz von diesen erwarten. Er hat die Anerkennung der Welt mit einem Bombenteppich belegt. Aber fürchtet Euch nicht! Die Zeit der Not wird bald vorüber sein. Der Staat Israel hat sein Soweto gesehen. Wir sind nun am Scheideweg. Es gibt keine Umkehr. Der Staat Israel hat die Anerkennung der Welt vergewaltigt und wird keinen Frieden haben, bis er seine Waffen nicht niederlegt.

 

*Ohne Verteidigung, ohne Haut

*

Mögen Geist und Wort die Apartheid-Wände Israels hinwegfegen. Der Staat Israel existiert nicht. Er ist nun ohne Verteidigung, ohne Haut. Möge die Welt deshalb Erbarmen mit der Zivilbevölkerung haben. Denn es ist  nicht die Zivilbevölkerung, der unsere Untergangsprophezeiung gilt.Wir wünschen dem Volk von Israel Gutes, nichts als Gutes, aber wir behalten uns das Recht vor, keine Jaffa-Orangen zu essen, so lang sie faulig schmecken und giftig sind. Es war erträglich, einige Jahre ohne die blauen Trauben der Apartheid zu leben.

 

*Sie feiern ihre Triumphe*

 

Wir glauben nicht, dass Israel vierzig getötete libanesische Kinder mehr beklagt als vierzig Jahre in der Wüste, vor dreitausend Jahren. Wir bemerken, dass viele Israelis solche Triumphe so feiern wie sie einst die Plagen des Herrn als „angemessene Strafe“ für das Volk Ägyptens bejubelten. (In dieser Geschichte erscheint der Herr, Gott von Israel, als unersättlicher Sadist.) Wir fragen, ob die meisten Israelis glauben,

dass ein israelisches Leben mehr wert ist als vierzig palästinensische oder libanesische Leben. Denn wir haben Bilder gesehen, auf denen kleine israelische Mädchen hasserfüllte Grüße auf jene Bomben schreiben, die auf die Zivilbevölkerung von Libanon und Palästina abgeworfen werden. Kleine israelische Mädchen sind nicht niedlich, wenn sie vor Freude strahlen über Tod und Qual hinter den Fronten.

 

*Vergeltung von Blutrache*

Wir anerkennen nicht die Rhetorik des Staates Israel. Wir anerkennen nicht die Spirale der Vergeltung der Blutrache von „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Wir anerkennen nicht das Prinzip von einem oder tausend

arabischen Augen für ein israelisches Auge. Wir anerkennen keine Kollektivbestrafung oder Bevölkerungsschlankheitskuren als politische Waffen. Zweitausend Jahre sind vergangen, seit ein jüdischer Rabbi die altertümliche Doktrin des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ kritisiert hat.

Er sagte: „Tu an anderen, wie du wolltest, dass sie an dir tun.“ Wir anerkennen einen Staat nicht, der auf antihumanistischen Prinzipien gegründet ist, und auf den Ruinen einer archaischen nationalistischen

Kriegsreligion. Oder wie Albert Schweitzer es ausdrückte: „Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.“

 

*Mitgefühl und Vergebung*

Wir anerkennen nicht das alte Königreich Davids als ein Modell für die Karte des Mittleren Ostens im 21. Jahrhundert. Der jüdische Rabbi erklärte vor zweitausend Jahren, dass das Königreich Gottes keine

kriegerische Wiederherstellung des Königreichs Davids ist, sondern dass das Königreich Gottes in und um uns ist. Das Königreich Gottes ist Mitgefühl und Vergebung. Zweitausend Jahre sind vergangen, seit der jüdische Rabbi die alte Rhetorik des Krieges entwaffnet und humanisiert hat. Schon zu seiner

Zeit waren die ersten zionistischen Terroristen am Werk.

 

*Israel hört nicht zu*

Zweitausend Jahre lang haben wir die Lektion des Humanismus einstudiert, aber Israel hört nicht zu. Es war nicht der Pharisäer, der dem Mann  half, der, den Räubern zum Opfer gefallen, am Wegesrand lag. Es war der Samariter; heute würden wir sagen, ein Palästinenser. Denn zuallererst sind wir Menschen – dann erst Christen, Moslems, oder Juden. Oder, wie der jüdische Rabbi sagte: „Und wenn du nur deine Brüder grüßt, was tust du mehr als andere?“ Wir akzeptieren nicht die Entführung von Soldaten.

Aber ebenso akzeptieren wir nicht die Deportation ganzer Bevölkerungen oder Entführung legal gewählter Parlamentarier und Minister.Wir anerkennen den Staat Israel von 1948, aber nicht den von 1967. Es

ist der Staat Israel, der den dem internationalem Recht entsprechenden Staat Israel von 1948 nicht anerkennt, respektiert und sich auf ihn  bezieht. Israel will mehr; mehr Wasser und mehr Dörfer. Um das zu erreichen gibt es jene, die, mit Gottes Hilfe, eine Endlösung des palästinensischen Problems wollen. Die Palästinenser haben so viele andere Länder, haben bestimmte israelische Politiker argumentiert; wir

haben nur eines.

 

*Die USA oder die Welt?*

Oder wie der oberste Beschützer des Staates Israel sagt: „May God continue to bless America.“ Ein kleines Kind bemerkte das. Sie drehte sich zu ihrer Mutter um und sagte: „Warum hört der Präsident seine Reden immer mit ‘God bless America’ auf? Warum sagt er nicht ‘God bless the world’?“

Dann gab es einen norwegischen Poeten, der diesen kindlichen Seufzer aus seinem Herzen entließ: „Warum nur schreitet die Menschlichkeit so langsam voran?“ Es war er, der so wundervoll über den Juden und die Jüdin schrieb. Aber er lehnte die Idee von Gottes auserwähltem Volk ab. Er selbst zog es vor, sich einen Mohammedaner zu nennen.

 

*Gelassenheit und Gnade*

Wir anerkennen nicht den Staat Israel. Nicht heute, nicht im Moment, da  wir dieses schreiben, nicht in der Stunde von Trauer und Zorn. Wenn die gesamte israelische Nation ihrem eigenen Handeln erliegen sollte und Teile der Bevölkerung aus den besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, dann sagen wir: Mögen die Umgebenden gelassen bleiben und ihnen Gnade erweisen. Es ist ein ewiges Verbrechen ohne mildernde Umstände, die Hand an Flüchtlinge und staatenlose Völker zu legen.

Frieden und freies Geleit für die ausziehende Zivilbevölkerung, die nicht länger von einem Staat geschützt wird. Feuert nicht auf die  Flüchtlinge! Zielt nicht auf sie! Sie sind verwundbar wir Schnecken ohne

Haus, verwundbar wie langsame Karavanen palästinensischer und libanesischer Flüchtlinge, schutzlos wie Frauen und Kinder und Alte in  Kana, Gaza, Sabra und Shatilla.

Gebt den israelischen Flüchtlingen Obdach, gebt ihnen Milch und Honig!

Lasst nicht ein israelisches Kind mit seinem Leben büßen.

Viel zu viele  Kinder und Zivilisten wurden schon ermordet.

 

 

 

Zbigniew Brzeziński

Der Anfang vom Ende Israels

Nathan Gardels führte das Gespräch

Israel schlug die großen arabischen Staaten in sechs Kriegstagen, aber es war außer Stande, die Hisbollah nach mehr als einem Jahrzent Besatzung zu besiegen, bevor es sich im Jahre 2000 zurückzog. Und es war nicht in der Lage, nach drei Wochen intensiver Bombardierung und Artilleriebeschuß sowie Sondermaßnahmen am Boden den Raketenbeschuß zu stoppen. Heißt das, die Hisbollah hat gegen Israel „gewonnen“, weil sie die israelische Abschreckungskraft geschwächt und gezeigt hat: Israel ist nicht unbesiegbar?

Man muß begreifen, daß Israel formale Armeen besiegt hat, die zumeist von ineffizienten und korrupten Regimen geführt wurden. Die Hisbollah führt einen „asymmetrischen“ Krieg gegen Israel, der von immer radikaleren und sogar immer fanatischeren Massen getragen wird. Das bedeutet: Ja, Israel wird viel größere Schwierigkeiten haben, mit letzerer wirksam zurechtzukommen als mit ersterer.

In all den Jahren haben israelische Hardliner wie Ariel Scharon und Benjamin Netanyahu behauptet, Israel lebe in einer finsteren Wohngegend. Seine Feinde dort verstünden nur die Sprache der Gewalt. Die amerikanischen NeoCons argumentierten genauso – daß nämlich mit dem einseitigen Eindringen in den Irak die überwältigende Macht der USA „eine Vorzeigewirkung“ entfalten würde, die die finsteren Nachbarn zu US-Ziel-gemäßem Verhalten veranlassen würde.

Hat sich das nicht als falsch herausgestellt? Führt militärische Überlegenheit als grobes Instrument nicht zu ewiger Feindschaft, statt zu Sicherheit? Wenn man sich die Zerstörung der Städte im südlichen Libanon nach Scharons Invasion 1982 angeschaut hat, konnte man doch voraussagen, daß Jahre später so etwas wie der Hisollah-Haß auf Israel hochkommen würde.

Die Rezepte der NeoCons –  Israel hat Entsprechendes – sind für Amerika fatal und letzten Endes auch für Israel. Sie werden die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im Nahen Osten  vollständig gegen die Vereinigten Staaten aufbringen. Die Lektionen des Irak sprechen für sich. Wird die NeoCon-Politik fortgesetzt, dann werden die Vereinigten Staaten schließlich aus der Region verdrängt. Das wird auch der Anfang vom Ende Israels sein.

Teilt der Tod von so vielen unschuldigen Zivilisten in Qana im Süden Libanons – ebenso wie die Massaker von Haditha im Irak durch amerikanische Soldaten – den Arabern und Persern nicht mit, daß der „Neue Nahe Osten“ aus den USA und aus Israel auf Besatzung, Gemetzel und Blufvergießen hinauslaufen wird? Sogar Shirin Ebadi, die iranische Dissidentin und Nobelpreisträgerin sagte mir kürzlich, daß die Iraner vorerst lieber die Mullahs ertragen als den Horror, den sie im Irak sehen.

Genau deshalb ist die NeoCon-Politik von fahrlässiger Gefährlichkeit sowohl für Amerika als auch für Israel.

Jenseits des Israel-Hisbollah-Konflikts – worauf läuft die US-Diplomatie in der Region hinaus?

Neu ist, daß es immer schwieriger wird, das Israel-Palästina-Problem, das Irak-Problem und den Iran voneinander zu trennen. Weder die USA noch Israel sind in der Lage, dem Nahen Osten eine einseitige Lösung aufzudrücken. Es mag Leute geben, die sich selbst in diesen Glauben hineintäuschen.

Eine Lösung der Israel-Palästinenser-Frage gibt es nur bei ernsthafter internationaler Einbeziehung und Unterstützung der Gemäßigten auf beiden Seiten, wie viele oder wenige sie auch sein mögen; das würde auch die Lage schaffen, in der die kriegführenden Parteien größeres Interesse daran gewönnen sich anzupassen, statt zu widerstehen, sowohl wegen der Anreize, als auch wegen der Fähigkeit der äußeren Interventen,  ihnen Kosten aufzuerlegen.

Als der irakische Premierminister (Jawad) al-Maliki kürzlich Israel wegen des Libanon-Konflikts scharf kritisierte, war das ein Hinweis auf das, was kommt. Die Vorstellung, daß die USA einen gefügigen, demokratischen, stabilen, pro-amerikanischen, Israel-liebenden Irak bekommen werden, ist ein schnell verfliegender Mythos. Deshalb müssen die USA anfangen,  mit den Irakis über den Tag unseres Abzugs zu reden. Wir sollten nicht überstürzt abziehen. US-Botschafter (Zalmay) Khalilzad sagte mir, daß vier Monate überstürzt wären. Das finde ich auch. Aber wir sollten uns einig sein, daß die USA einige Zeit danach abziehen werden.

Dem Iran haben wir ein vernüftiges Angebot gemacht. Ich weiß nicht, ob sie positiv antworten werden, oder wenigstens nicht negativ. Ich neige zu der Vermutung, daß sie wohl weder negativ, noch positiv antworten werden, um auf Zeit zu spielen. Aber das ist nicht so schlecht, vorausgesetzt, sie verwerfen den Vorschlag nicht.

Das iranische Atom-Problem ist ernst, und die Iraner sind am Rande im Libanon beteiligt. Tatsache ist aber, daß die Herausforderung nicht unmittelbar droht. Und weil sie nicht unmittelbar droht, ist Zeit, damit umzugehen.

In der internationalen Politk ist es manchmal besser, Gefahren hinauszuschieben, statt zu versuchen, sie alle sofort zu beseitigen. Das ruft starke Gegenreaktionen hervor, die zerstörerisch wirken. Wir haben Zeit mit dem Iran, vorausgesetzt, der Prozeß des Umgangs mit der Atomenergie wird angestoßen. Er kann dann ausgedehnt werden und Sicherheitsgespräche über die Region einbeziehen.

Letztendlich ist der Iran bedeutend, nicht der Irak. Der Iran wird bestehen. Er wird eine Rolle spielen. Und auf längere historische Sicht besitzt er alle Voraussetzungen für eine konstruktive innere Entwicklung, gemessen am Alphabetisierungsgrad, am Zugang zu höherer Bildung und an der Rolle der Frau in der Gesellschaft. 

Die Mullahs sind Teil der Vergangenheit im Iran, nicht seiner Zukunft. Doch der Wandel im Iran wird  sich durch Engagement vollziehen, nicht durch Konfrontation.

Wenn wir diese Linie verfolgen, können wir vielleicht das Schlimmste abwenden. Wenn wir es nicht tun, fürchte ich, wird die Region explodieren. Langfristig wäre Israel in großer Gefahr.

T:I:S (Übersetzung), 6. August 2006

Quelle vom 1. August 2006;  Biographisches über Nathan Gardels; gekürzte und abweichende Übersetzung in der Welt; Wikipedia über