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Diese Seite enthält alles Möglich, was mit Kultur und Nahost zu tun hat, und wird laufend mit lesenswerten Beiträgen aktualisiert.

 

Dichtung des palästinensischen Widerstands

Fedwa Tauqan, Mahmoud Darwich, Samih al-Kassem und Taufik Zayad

Literatur aus Palästina         Mahmoud Darwish

Ältere Filme zu Palästina

Verlieh für Filme aus dem Nahen Osten http://www.mecfilm.de

Der Schweizer Dokumentarfilm „Al-Sabbar“: Eine Araberin auf Spurensuche in Israel

Die Kamera als Waffe gegen das Vergessen Bilder als Brücken zur Heimat

Heinrich Heine und der Orient

Fasziniert von der alt-arabischen Poesie

Dieses Jahr feiert Deutschland den 150. Todestag Heinrich Heines. Einige Theaterstücke und Gedichte des romantischen Dichters geben Zeugnis darüber, dass Heine von der arabischen Kultur beeinflusst wurde. Von Munir Fendri

 

Friedrich Schiller

Als erster deutscher Dichter in der arabischen Welt bekannt

In diesem Jahr feiert Deutschland den großen Dichter und Dramatiker Friedrich Schiller anlässlich seines 200. Todestages. Abdo Abboud, Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Damaskus, über Rezeption und Übersetzung der Werke Schillers in der arabischen Welt

 

Katharina Mommsen zum achzigsten Geburtstag

Goethes Orient erforscht

Kein Germanist hat die enge Beziehung zwischen Goethe und der islamischen Welt so gründlich erforscht und darüber so viel geschrieben, wie Katharina Mommsen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind nicht nur brisant, sondern hoch aktuell. Eine Würdigung von Stefan Weidner aus Anlass ihres achtzigsten Geburtstags.

 

Abdo Abboud:

"Übersetzen ist wichtigster Kanal im Dialog der Kulturen."

Dr. Abdo Abboud, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Damaskus, beklagt, dass es zu wenige arabische Germanisten gibt, die sich für moderne deutsche Literatur interessieren.

 

Michael Endes "Momo" auf Arabisch

Fingerspitzengefühl gefragt

In Deutschland ist sie längst schon eine Legende: Jeder kennt, jeder liebt das Waisenmädchen Momo aus der fantastischen Feder des Schriftstellers Michael Ende. In den Herzen vieler Kinder und in der internationalen Jugendliteratur hat sie ihren festen Platz. Ab April soll Momo nun auch arabische Kinder auf ihre Zeitreisen mitnehmen. Von Ann-Katrin Gässlein

 

 

 

Literatur aus Palästina

Mahmoud Darwish

 

Darwish ist einer der größten zeitgenössischen arabischen Dichter. Seine Lyrik wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt und wird in vielen arabischen Ländern Schuhlmaterial.
Darwish wurde 1942 in einem Dorf namens Al-Birweh, nahe Akko, geboren. Das Dorf wurde 1948 von den israelischen Truppen zerstört. Als direkte Folge sienes politischem Aktivismus wurde Darwish mehrmals verhaftet und unter Hausarrest gesetzt. Er verließ Israel 1971 und lebte in verschiedenen Städten, darunter Moskau, Kairo, Beirut und Paris. Erst 1996 durfte er wieder nach Israel zurück. Von seiner Position als Mitglied des Exekutivkomitee der PLO war er schon 1993 (als Reaktion auf die osloer Friedensverträge) zurückgetreten. Heute lebt er zwischen Amman und der Westbank und leitet die Literaturzeitschrift Al-Karmel.

Darwish genießt ein hohes Ansehen und eine hohe Anerkennung sowohl in der arabischen Welt als auch im Westen. Viele seiner Gedichte wurden vertont und werden immer noch gerne gesungen. Das berühmteste seiner Gedichte ist ein langes über die Ereignisse des Krieges im Libanon und über die Massaker von Sabra und Schatila.
Im Deutschen erschien 1998 von ihm das autobiographische Sachbuch Palästina als Metapher. Das Buch wurde übersetzt von Stefan Weidner.

 

 

Im Weg ist immer noch ein Weg

Von Mahmoud Darwisch
Aus dem Arabischen von Stefan Weidner

Im Weg ist immer noch ein Weg.
Und im Weg ist immer noch Raum,
um aufzubrechen.
Noch viele Rosen werden wir in den Fluß werfen,
um ihn zu überqueren.
Keine Witwe kehrt gerne zu uns zurück.
Laßt uns dorthin gehen.
Dort ist der Norden des Wieherns.
Hast du nicht etwas Schlichtes vergessen,
das zur Geburt unseres künftigen Gedankens paßt?
Sprich von gestern, mein Freund,
damit ich mein Bild im Gurren sehe
Und das Halsband der Taube halte oder die Flöte finde
im verwaisten Feigenbaum.
Über irgend etwas stöhnt mein Herz,
ob ich Mörder bin oder ermordet,
meine Sehnsucht gibt mir recht.
Im Weg ist immer noch ein Weg,
damit wir gehen -- und wir gehen.
Wohin führen mich die Fragen?
Ich bin von hier,
ich bin von dort.
Und bin nicht dort
und bin nicht hier --
Noch viele Rosen werde ich werfen,
bevor ich eine Rose in Galiläa erreiche.

 

 

 

Ältere Filme zu Palästina

Thema: [Fwd: Filmtips: ältere Filme zu Palaestina]
Datum: 08.08.01 22:58:50 (MEZ) - Mitteleurop. Sommerzeit
 
X-INFO: INVALID TO LINE

*Die Nachkommen Abrahams*
von
Gordian Troeller
aus der Reihe: Kinder der Welt
43 Min., Farbe, 1989

Verleih: CON Film/Video
Benquestr. 29
28209 Bremen
Tel.: 0421-34 24 14


Aussagen aus dem Film:

Unterricht:

Was hier abläuft, war, als diese Bilder Anfang Juni entstanden,
streng verboten: Unterricht. Die Einwohner des Dorfes haben die
Ausbildung ihrer Kinder seit über einem Jahr selbst in die Hand
genommen.

Die Frauen, die hier unterrichten, sind Studentinnen, Freiwil-
lige. Sollten sie erwischt werden, kommen sie ins Gefängnis.
Während des Unterrichts halten Jugendliche am Eingang des Dor-
fes Wache. Kommen Uniformierte in Sicht, schlagen sie Alarm.
Seit israeliche Soldaten die Türen der Dorfschule zugemauert
haben, steht nur dieser Raum zur Verfügung: - für drei Klassen.
Dennoch sind diese Dorfkinder priviligiert. In den Städten
griff die Armee sofort ein, wenn Bürgerinitiativen heimlich
Unterricht organisierten.

Lehrer, die Kinder und Eltern mit Unterrichtsmaterial versorg-
ten, kamen ins Gefängnis.

Absicht solcher Maßnahmen ist es, den ohnehin im Vergleich zu
Israel bestehenden Bildungsrückstand der Palästinenser zu ver-
größern. Zwar erklärt die Militärverwaltung, die Schulen und
Universitäten seien gechlossen worden, weil sie Zentren des
Aufruhrs seien. Ein Scheinargument, denn erst die erzwungene
Untätigkeit treibt die Schüler und Studenten dazu, sich zusam-
menzurotten und gegen die Israelis zu revoltieren.

Verletzte
In diesem Krankenhaus liegen viele Verwundete. Hier wurden wir
Zeuge, wie ein Verletzter von israelischen Soldaten verhaftet
und abgeführt wurde. Als wir filmen wollten, wurden wir daran
gehindert. Unweit von Hebron trafen wir einen Palästinenser,
der lange in Stuttgart gelebt hat.

"Was ist hier passiert? Die Soldaten sind gekommen?"

Vater: -"Jawohl, mein kleiner Sohn, er heißt Mousi, er war im
Dorf und wollte etwas kaufen. Die Soldaten kommen nach dort,
und seine Schwester ist hingegangen, um ihm zu helfen. Die Sol-
daten haben meine Tochter dort gesehen und haben sie in beide
Beine geschossen. Dann ist ihre Schwester dorthingegangen, um
ihr zu helfen. Die Soldaten haben sie gesehen, und sie auch ge-
schossen. Meine Frau ist auch hingegangen, um zu helfen, sie
haben sie auch in die Beine geschossen. - Die Soldaten sind in
mein Haus gekommen und haben alles gebrochen, Glas und Radio,
Fernseher, alles, und nachher sind sie weggegangen. Sie waren
betrunken und haben uns gesagt, wir haben einige Kinder ge-
tötet. So haben sie uns gesagt."

Frage: Als sie geschossen haben, damals, wurden da Steine auf
die Soldaten geschmissen?

Vater -"Nein, der Kleine war allein im Dorf. Er ging hin, etwas
zu kaufen. Als die Soldaten kamen, hat seine Schwester Angst
gehabt. Sie wollte ihren Bruder herbringen. Sie ist hinge-
gangen, um ihren Bruder zu bringen. Da haben sie auf sie ge-
schossen. Und nachher auf ihre Schwester. Und nach einem Monat
wurde der große Sohn angeschossen.

3. Bild: Israelische Soldaten zerstören die Ernte
palästinensischer Bauern. Allein im Januar 1989
haben sie 3.600 Olivenbäume entwurzelt.

"Ich muß sagen, etwas, das ich Mühe hatte zu glauben, als mir
eine Mutter gesagt hat, ihrem Sohn sind die Fingernägel ausge-
rissen worden. Ich hatte es nicht zuhause erzählt, denn ich
hatte mir gesagt, ich will das nicht glauben. Und ein paar Ta-
ge später kommt ein Soldat auf mich zu - also an der Mahn-
wache - schreit mich an und sagt, sollen wir denen nicht die
Fingernägel ausreißen, wenn sie Steine werfen".

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*DER AUFSTAND*


Kink-Amersfoort,
Video-Persgroep Amsterdam
Holland 1988, 50 Min.

Verleih: Medienwerkstatt Freiburg
Konradstr. 20
79100 Freiburg/Brsg
Tel.: 0761-70 97 57


"Der Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den von Israel be-
setzten Gebieten im Westjordanland und im Gazastreifen begann im De-
zember 1987.

Zwei Monate später entstanden die Aufnahmen zu diesem Film. Uns
interessierten die Hintergründe und die Folgen dieses Aufstandes für
den palästinensisch-israelischen Konflikt, und wir trafen auf die
großen, aber auch auf die kleinen Probleme, mit denen die Palästinen-
ser unter der Besetzung leben müssen: in den Dörfern fehlt es oft an
den lebensnotwendigsten Einrichtungen, das Land, das sie bebauen,
kann jederzeit enteignet werden. Anders ist die Situation in den von
jüdischen Siedlern bewohnten Kolonien; die Siedler berufen sich auf
ihr religiöses Erbrecht und halten daran fest.

Durch die Bodenenteignungen sind viele Palästinenser gezwungen, als
Hilfsarbeiter - auch in Israel - zu arbeiten, und das unabhängig da-
von, ob sie eine Ausbildung haben oder nicht.

Seit einem halben Jahr kämpfen die Palästinenser jetzt, um auf ihre
Lage aufmerksam zu machen. Die israelische Armee antwortet mit blu-
tiger Unterdrückung, jede Woche sterben Demonstranten auf der Straße.

Die israelische Bevölkerung steht dem nicht immer positiv gegenüber;
manche befürworten eine Vertreibung der Palästinenser, andere wollen
die Repression nicht weiter mittragen und verweigern ihren Dienst in
der Armee. Wie die Zukunft aussieht, bleibt offen. Nur eines sollte
klar sein: Ohne eine Beteiligung der Palästinenser wird es keinen
Frieden geben."

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*SCHATILA - auf dem Weg nach Palästina*

 


Medienwerkstatt Freiburg BRD 1988, 45 Min.

Verleih: Medienwerkstatt Freiburg
Konradstr. 20
79100 Freiburg/Brsg.
Tel.: 0761-70 97 57


Die Stadt Beirut hat einen reichen, christlichen Ostteil und einen
arabischen Westteil mit der ehemals schicken Einkaufsstraße El
Hamra. Dazwischen erstreckt sich der Elendsgürtel mit seinen Slums
und Ghettos, mit Orten wie Sabra und Schatila; Zuflucht für die
Verjagten und Vertriebenen, für die palästinensischen Flüchtlinge
und obdachlosen Libanesen.

Ruinenlandschaften, Trümmerberge, das ist Schatila heute, am Ende
des dritten Lagerkrieges, der im November '86 begann. Eingegraben
unter der Erde, in Bunkern und Kellern, verbunden durch ein System
unterirdischer Gänge, widerstanden hier über 4.000 Menschen perma-
nenter Bombardierung und totaler Belagerung. In dieser Situation
filmte einer der Eingeschlossenen das Leben unter Trümmern: den
Willen und den Mut, das Leid und die Hoffnung, mit der die Men-
schen ihr Überleben organisieren, die entschlossene Verteidigung
des Lagers, Versuche, die Hungernden mit Lebensmitteln und Medika-
menten zu versorgen, die vielen Toten und Verletzten.

Die Bilder aus Schatila lassen die Dimensionen des Krieges er-
ahnen, der im ganzen Süden des Libanon gegen das palästinensische
Volk geführt wird. Es ist ein Vertreibungskrieg. Die Palästinenser
stören die Macht- und Kontrollbestrebungen der schiitischen Amal-
milizen im Südlibanon, sie stören Israel durch ihre bloße Existenz
als vertriebenes Volk und sie stören Syrien durch ihr Beharren auf
eine autonome, nicht von Syrien diktierte palästinensische Poli-
tik.

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*FREIHEIT, WIE MEINE ICH DAS?*
Robert Krieg
BRD 1982, 55 Min.

Verleih: Medienwerkstatt Freiburg
Konradstr. 20
79100 Freiburg/Brsg.
Tel.: 0761-70 97 57

Im Libanon kämpft das palästinensische Volk ums Überleben. Was
in zäher Kleinarbeit seit 1969 in den Flüchtlingslagern aufge-
baut wurde, wird jetzt wieder durch das israelische Militär
zerstört. Robert Krieg war 1981 auf Einladung der PLO in den
Flüchtlingslagern. Er hat mit der Video-Kamera Eindrücke gesam-
melt und viele Gespräche aufgenommen, in denen die Menschen er-
zählen was ihnen Palästina bedeutet. Sie erzählen von der Ge-
schichte ihres Landes und ihren Kämpfen. Sie wollen nicht länger
Menschen 2. Klasse sein - aber wer ist von den Befragten noch am
Leben? Das Band ist aktuell, weil es in Erinnerung ruft, was
Zerstörung konkret im Libanon bedeutet.




ADDAMEER: http://www.addameer.org/
PCHR: http://www.pchrgaza.org/
alaqsa intifada: http://www.alaqsaintifada.org/
Israeli Massacres: http://www.ummah.net/unity/palestine/
>>>-----------------------------------------------------------<<<
>> Further Informations about Iraq and Palestine:
>> http://home.nexgo.de/ge.lange/start.htm
>> http://themen02.exit.de/user/member/giv/
>> http://soziales.freepage.de/irak/index.htm
>> http://giv-archiv.de5.de/ http://www.giv.de.cx/
>>>-----------------------------------------------------------<<<

* * * * *

 

Balser Zeitung, Freitag 17. November 2000

 

Der Schweizer Dokumentarfilm „Al-Sabbar“: Eine Araberin auf Spurensuche in Israel

 

Die Kamera als Waffe gegen das Vergessen

Von Jana Ulmann

«Al-Sabbar», «Kaktusfeigen», nennt der Berner Filmemacher Patrick Bürge seinen Dokumentarfilm. Bürge hat sich mit einem Filmteam an die Fersen von Zuhaira Sabbagh geheftet, einer Araberin mit israelischem Pass. Sabbagh ihrerseits befindet sich mit einer Gruppe Jugendlicher auf fotografischer Spurensuche nach ihrer eigenen Geschichte.

Die Kaktusfeige sei das Symbol für die Zähigkeit und das Ausharren der vertriebenen Palästinenser, erzählt Zuhaira Sabbagh. Die Palästinenser hatten früher ihr Land mit Kakteenhecken markiert. Im Zuge der Kriegswirren von 1948 müssen sie auf der Flucht ihre Dörfer zurücklassen. Die arabischen Dörfer werden von der israelischen Armee dem Erdboden gleichgemacht und die Kakteenhecken werden verbrannt. Man versucht immer wieder, die Kakteen zu beseitigen, aber sie wachsen jedesmal nach. Mahnmalen einer vom israelischen Staat vergessen gemachten Geschichte gleich, begegnet man so den grossen, fleischigen, dornenbesetzten Blättern dieser Kaktuspflanzen heute noch überall dort, wo einst arabische Dörfer standen.  Weitere Protagonisten des Films sind der Schweizer IKRK-Arzt Hans Bernath und seine Frau Madeleine. Der 80-jährige Bernath, er ist noch vor Fertigstellung des Films gestorben, war nicht nur ein Zeitzeuge der Vertreibung der Palästinenser. Er hat auch die fünfzig Jahre israelischer Geschichte als Arzt im «English Hospital» in Nazareth miterlebt. Für Zuhaira Sabbagh wird der Schweizer so eine wichtige Bezugsfigur. Auch zwischen diesen beiden vermitteln und beglaubigen letztlich Fotografien die erlebte Geschichte. Denn Bernath scheut sich zwar, aufgrund der amtlich auferlegten Schweigepflicht, vor der Kamera ausführlich zu erzählen, aber er schenkt der Araberin Abzüge von Aufnahmen, die er in den Flüchtlingslagern gemacht hat.


Massakergeschichte

«Al-Sabbar» wird mit einer Bildersequenz eröffnet, die die Zuschauer nachhaltig beeindrucken wird. Es sind Bilder aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Ain El Hilwe im Libanon. Dort werden die Kinder schon im im Kindergarten mit einem Geschichtsunterricht der übelsten Sorte konfrontiert. In einer Runde fragt die Kindergärtnerin die Kinder über die Flucht ihrer Grosseltern aus. Die Kinder scheinen genau zu wissen, was sie antworten müssen. Auf die Frage, wer die Grosseltern aus Palästina vertrieben habe, antworten sie brav im Chor: «Die Juden!» Aber der Geschichtsunterricht geht noch weiter. Zwei Kinder mit angeheftetem Judenstern auf der Brust schiessen mit einer Spielzeugpistole auf die anderen, die sich «getroffen» auf den Boden fallen lassen. Das Spiel der Kinder bleibt im Film unkommentiert, offenbar handelt es sich dabei aber um das Massaker des jüdischen Extremisten Baruch Goldstein in einer Moschee in Hebron. Das genaue Wissen darum aber ist für den Film wohl gar nicht so wichtig, vielmehr erinnern diese Bilder generell an die Massaker an den Palästinensern.


Vertreibungspolitik

So wird die Szene auch als Hinweis auf die Geschehnisse in Deir Jassin lesbar. In dem palästinensischen Dorf wurden 1948 254 Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt. Es gibt gute Gründe, die darauf schliessen lassen, dass diesem Massaker an den Palästinensern eine gezielte Vertreibungspolitik der Juden zugrunde liegt, da es danach zur palästinensischen Massenflucht in die umgliegenden Staaten kam. Es ist unter anderem das Verdienst jüdischer Wissenschaftler der sogenannten «neuen Historiker», dass solche Zusammenhänge jetzt aufgearbeitet werden. Das Rollenspiel der Kinder wird so zu einer Art «Urszene» der Vertreibung der Araber aus Israel.
Wer sich mit «Al-Sabbar» die Klärung der Fronten erhofft, wird enttäuscht. Es ist kein lineares Erzählen, das da stattfindet, mehr hangeln die Bilder sich von Schauplatz zu Schauplatz, von Episode zu Episode. Die Lücken und Brüche, die beim Wechsel der Schauplätze im Film entstehen, muss der Zuschauer aus dem eigenen Fundus an Bildern und Wisssen über diese Geschichte füllen. Bilder wecken immer auch Gegenbilder und so eröffnet «Al-Sabbar» in mehrfachem Sinn einen Dialog, nicht zuletzt mit unseren eigenen Geschichtsbildern, unserem Wissen über den Nahostkonflikt.
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«Al-Sabbar» wird am Sonntag um 10.00 Uhr im Stadtkino
gezeigt. Anschliessend findet unter der Leitung von Willi Herzig
(Chef Auslandredaktion Basler Zeitung) ein Gespräch mit Ursula
Rosenzweig (jüdisch-arabisches Friedensinstitut Gjivat Haviva),
Prof. Edward Badeen (Orientalist, Palästinenser) und Patrick
Bürge (Realisator «Al-sabbar») statt.  Weitere Filmvorführungen siehe Tagespresse.

 

Der Bund, 15. Oktoberi 2000 (Seite 7) Fred Zaugg

Bilder als Brücken zur Heimat

Mit seinem Film "Al-sabbar -Kaktusfeigen" begleitet der Berner Filmautor Patrick Bürge eine Gruppe israelischer Palästinenser auf der Suche nach Zeugnissen ihrer einstigen Heimat. (Heute 20 Uhr ausverkaufte Premiere und "Bund"-Filmsoiree in der Cinématte mit anschliessender Diskussion, danach am 1. und 2. sowie 8. und 9. November um 19 Uhr)

Auf schreckliche Weise ist in den letzten Tagen der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern erneut aufgeflammt, und es wird schwierig, in dieser Situation gegenseitigen Hasses den Film «Al-sabbar» zu zeigen, welcher die Situation der israelischen Palästinenser zum Thema hat, ohne der Einseitigkeit bezichtigt zu werden. Ferner könnte gegenüber den Filmemachern der Vorwurf erhoben werden, es sei nun gewiss zu allerletzt an den Schweizern, an der Haltung Israels Kritik zu üben. Aber es ist nicht die Schweiz, die diesen Dokumentarfilm gedreht hat, sondern ein Einzelner mit einer kleinen Gruppe, und letztlich werden es die aus ihrer Betroffenheit handelnden Individuen sein, die Menschen, welche ihrem Gewissen folgen und nach Wahrheit streben, die wieder zum Gespräch und damit hoffentlich dereinst zum Frieden führen können. «Al-sabbar» kann - richtig verstanden - ein kleiner Schritt in dieser Richtung sein. Im Zentrum des Films steht Zuhaira Sabbagh, eine Araberin mit israelischem Pass, die in ihrer Freizeit in Nazareth eine Jugendgruppe leitet und mit ihr an einem Fotoprojekt arbeitet: Die in Israel beziehungsweise in Nazareth lebenden jungen Menschen machen sich mit Fotoapparaten auf die Suche nach den Überresten von palästinensischen Dörfern, die 1948 während des Unabhängigkeitskriegs der Israelis (die Araber nennen ihn «Al-naqba», die Katastrophe) zerstört worden sind. Man spricht von vierhundert. Die Bilder sollen in den Flüchtlingslagern ausgestellt werden und den Menschen dort ihre Heimat und ihre Geschichte in Erinnerung rufen. Eine Geschichte, die von Israel verschwiegen wird, wie denn auch das Fotografieren der jungen Leute um Zuhaira Sabbagh nicht gern gesehen ist und nach Möglichkeit verhindert wird.

Zeugen

Zeugen der Geschichte sind der achtzigjährige Schweizer Arzt Hans Bernath und seine Frau, die seit fünfzig Jahren in Israel leben und deren Ehrung und Abschied aus dem englischen Spital von Nazareth während der Dreharbeiten stattfand. Als Delegierter des IKRK hat Hans Bernath die Vertreibung der Araberinnen und Araber miterlebt, aber er hat, gebunden durch die amtlich auferlegte Schweigepflicht, Mühe, Zuhaira Sabbagh seine Erinnerungen anzuvertrauen. Leider ist Hans Bernath noch vor der Fertigstellung des Films in der Schweiz gestorben. Seine Bilder und seine Worte werden damit zu einem wichtigen Vermächtnis, selbst wenn er zu bedenken gab, dass das Schweigen im Nahen Osten oft wichtiger sei als das Reden. Getragen wird der Film vom Traum der geflüchteten Palästinenser zurückzukehren, Heimatboden zu betreten. Dieser Sehnsucht steht das israelische Gesetz von 1953 entgegen, wonach arabischer Grundbesitz konfisziert werden kann, falls die Besitzer abwesend sind oder ein übergeordnetes staatliches Interesse vorliegt.  Patrick Bürge kann es nicht darum gehen, den ultimativen Film über die Situation im Nahen Osten vorzulegen. Er beschäftigt sich mit Menschen, mit jenen Palästinensern, die schon im Kindergarten Hass schüren, genau so wie mit den Israelis, die der Haltung ihres Staats gegenüber kritisch eingestellt sind und nach Frieden streben, mit den Flüchtlingen wie mit den in Israel gebliebenen Palästinensern, mit einer unterdrückten Geschichte wie mit einer komplexen, ausweglos erscheinenden Gegenwart. Möglicherweise kann die Wahrheit, die Prise Wahrheit, die «Al-sabbar» weiterzutragen versucht, zu Gesprächen führen, die ein gegenseitiges Verstehen zum Ziel haben.

Stimmen

1997 schrieb der jüdische Schriftsteller Yaron Ezrachi in "Le Monde Diplomatique": «Nur wenige gaben zu, dass die Geschichte der Rückkehr, Erlösung und Befreiung ihrer Väter auch eine Geschichte von Eroberung, Vertreibung, Unterdrückung und Tod ist.» Und Edward W. Said, Professor an der Columbia University in New York, erklärte 1998 im «Tages-Anzeiger»: «Wir Palästinenser sollten (. . .) von den Juden Israels Rücksicht und Wiedergutmachung verlangen, ohne in irgendwelcher Weise ihre Leidensgeschichte und den Genozid an ihnen zu bagatelisieren. (. . .) Wer wollte Massenvernichtung und Massenenteignung moralisch gleichsetzen. Der blosse Versuch wäre eine Dummheit.»
Podiumsgespräch Im Anschluss an die Vorstellung findet heute Abend ein Gespräch mit Dr. Gehad Mazarweh Psychoanalytiker, und Jacques Ungar, Nahostkorrespondent, statt, organisiert von der Sektion Bern der Gesellschaft Schweiz-Israel zusammen mit dem "Bund".

 

Berner Zeitung BZ, 31.10.00 (Seite 39) Susanne Schanda


Ein Stachel der Nahost-Geschichte

«Al Sabbar» heisst auf Arabisch nicht nur Kaktusfeige, sondern auch Ausdauer. Mit ihrem Film dokumentieren Patrick Bürge und Max Fahrni die palästinensische Suche nach dem verlorenen Land.


Ein schwarzweisser Fussball liegt auf der staubtrockenen braunen Erde, dann holt ein Junge Anlauf und schiesst ihn ins Tor. Der Dokumentarfilm «Al Sabbar» setzt mit einer Alltagsszene im Flüchtlingslager Ain el Helwe im Libanon ein, wo die älteren Leute seit 50 Jahren auf die Rückkehr in ihre Dörfer warten und die Jungen sich die Zeit mit Fussball vertreiben. Zu diesem Alltag gehört auch die Vermittlung der palästinensischen Geschichte an die Kinder und Jugendlichen. Etwa so: In einer Kindergartenklasse steht ein kleiner Junge mit einer Spielzeugpistole in der Hand und dem Judenstern auf die Brust geheftet, und «schiesst» auf die anderen Kinder, die sich darauf «getroffen» zu Boden fallen lassen - das Massaker, das der jüdische Extremist Baruch Goldstein in einer Moschee in Hebron an muslimischen Gläubigen verübte, als palästinensisches Schülertheater. «Diese Szene wird sicher Emotionen auslösen», sagt der Filmemacher Patrick Bürge, «aber sie gehört halt zur Geschichte der Palästinenser.» Explizit wollte er die Vertreibung - von den Palästinensern «die Katastrophe» genannt - nicht ausgewogen darstellen, sondern das subjektive Empfinden von israelischen Araberinnen und Arabern nachzeichnen, die sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit machen.

Stachelige Pflanze  

Das Flüchtlingslager Ain el Helwe gibt dem Film den Rahmen, den Ausgangs- und Endpunkt, an dem sich der Grad der Isoliertheit und Verzweiflung der von ihrer Heimat Vertriebenen am schärfsten zeigt. Doch im Zentrum von «Al-Sabbar» steht Zuhaira Sabbagh, eine Araberin mit israelischem Pass aus Nazareth. Sie leitet eine Jugendgruppe, mit der sie sich, mit Fotoapparaten ausgerüstet, auf die Suche nach Überresten von arabischen Dörfern macht, die nach der Gründung des Staates Israel 1948 von der Armee zerstört worden sind. Eine geradezu symbolische Funktion kommt im Film der Kaktusfeige (Al Sabbar) zu. Mit dieser zähen und stacheligen Pflanze wurden einst die arabischen Grundstücke eingegrenzt. Allen Vernichtungsktionen der israelischen Soldaten zum Trotz kam die Pflanze nach einer Weile immer wieder aus dem Boden heraus. «Wir Palästienser sind wie Kaktusfeigen», sagt Zuhaira Sabbagh, «zäh, ausdauernd, und wenn man unsere Stacheln berührt, tut es weh.» Dass sich auch die in Israel geborenen Juden als Kaktusfeigen - «Sabre» - bezeichnen und ebenso zäh und stur wie die Palästinenser sind, ist nur ein kleiner Aspekt des schon Jahrzehnte dauernden israelisch-palästinensischen Konflikts.


Schweizer IKRK-Arzt

Auf ihrer Suche nach zerstörten arabischen Dörfern trifft die Fotogruppe in Nazareth auf den 80-jährigen Schweizer Arzt Hans Bernath, der als IKRK-Delegierter Zeuge der Vertreibung des palästinensischen Volkes aus Israel war. Zuhaira Sabbagh versucht über den Arzt Informationen aus erster Hand zu bekommen, was ihr nur teilweise gelingt. Allzu oft weicht er ihren Fragen aus und versteckt sich schliesslich hinter seiner Schweigepflicht gegenüber dem Roten Kreuz. Nach zahlreichen Wegen und Umwegen und aufschlussreichen verbalen Zusammenstössen mit jüdischen Israeli werden die Fotos dieser Recherche in einer Ausstellung «Erinnerung und Heimweh» im Flüchtlingslager Ain el Helwe gezeigt. «Diese Verbindung zwischen den israelischen Arabern und den Palästinensern in den Flüchtlingslagern ist auch ausserhalb des Films sehr wichtig», sagt Patrick Bürge, «denn die israelischen Araber werden von den Flüchtlingen oft als Verräter oder Kollaborateure angesehen, die sich mit den Feinden arrangiert hätten. Die Fotoausstellung hat schliesslich ein starkes Gefühl von Solidarität bewirkt.» Ein wahrer Glücksfall für «Al Sabbar» ist Zuhaira Sabbagh, die mit ihrem zähen Willen und ihrer emotionalen Kraft dem Film nicht nur ein starkes Profil verleiht, sondern zugleich einen möglichen Weg aufzeigt, die eigene palästinensische Geschichte aufzuarbeiten und weiterzugeben, ohne die Israeli dabei zu Monstern zu machen. Gerade dadurch wird der Film nicht nur schmerzhaft, sondern auch glaubhaft.

Der Film «Al Sabbar» läuft im Kino Cinématte

 

Im Anschluss an die Solothurner Filmtage veröffentlichen wir heute und in den nächsten Tagen Kurzbesprechungen einiger neuer Schweizer Filme.

Neuer Schweizer Film (I)
"Dein Haus steht auf meinem Land"
Von Walter Ludin /KIPA

Kürzlich sah ich aus dem Jahr 1890 eine Landkarte des Heiligen Landes. Auf ihr ist ein dichtes Netz von Dörfern verzeichnet. Sie beweist augenfällig, dass der Slogan "Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" falsch ist. An diese Karte musste ich beim Film "Al Sabbar" von Patrick Bürge denken. Er erzählt von der Palästinenserin Zuhaira Sabbagh, die mit einer Jugendgruppe einige der 400 arabischen Dörfer fotografiert, die von der israelischen Armee zerstört wurden. Darunter ist ein Dorf nahe der libanesischen Grenze. Obwohl ein israelisches Gericht den Palästinensern das Gebiet zugesprochen hatte, zertrümmerte die Armee die Häuser. Der Film dokumentiert, wie die Bevölkerung seit 1951 (!) beim Obersten Gericht vergeblich für die Durchsetzung ihrer Rechte prozessiert. Sie darf zwar aus allen Teilen Israels die Toten zurückführen; die Lebenden haben kein Bleiberecht. Es sei ein "Film zum Weinen", meinte nach der Projektion an den Solothurner Filmtagen eine Kollegin. Sie dachte dabei an Szenen wie jene mit einem alten Mann, der auf einem öden Gelände steht und noch genau weiss, wo einst welche Leute gelebt haben. "Und dort, wo der Misthaufen ist, war unser Kinderfriedhof." In einem andern Dorf, das heute von Juden bewohnt wird, kommt es zu einem Streitgespräch, das die ganze Tragik des Konflikts prägnant umreisst. Ein Israeli entgegnet der Fotografin, die sagt, sie wolle ihr Haus fotografieren: "Dein Haus steht auf meinem Land."

Patrick Bürge: Al Sabbar. 35 mm, 97 min, Vertrieb: YAK Film, Sulgenbachstr. 10, 3007 Bern. 031 371 10 08. info@yak.ch

 

Berner Woche, 19.10. 2000 (Seite 13)
Interview: Esther Schönenberger

Film ‚Al sabbar’: Interview mit Regisseur Patrick Bürge

Al-Sabbar: Stacheldraht und Kaktusfeigen –

Die Palästinenserfrage bringt Israel erneut an den Rand eines Krieges. Al-Sabbar, der Film des Berner Autors Patrick Bürge zeigt historische Hintergründe und heutige Befindlichkeit der Palästinenser mit israelischem Pass.

Berner Woche: ‚Al Sabbar’ behandelt politsch hochaktuellen Stoff – es geht um den Traum der Palästinenser, in die Dörfer zurückzukehren, aus denen sie bei der Staatgründung Israels 1948 vertrieben worden sind. Wie kamen Sie auf die Idee, sich in dieses nahöstliche Wespennest zu setzen?

Patrick Bürge: Ausgangspunkt für das Filmprojekt war die Geschichte des Schweizer IKRK-Arztes Hans Bernath, der die Ereignisse in Israel seit 1949 selber miterlebt hatte. Als ich ihn 1997 in Nazareth besuchte, lernte ich zufällig die Palästinenserin Zuhaira Sabbagh kennen. Sie war daran, mit einer Jugendgruppe von palästinensichen Israeli die zerstörten Dörfer zu fotografieren und daraus eine Ausstellung zu machen. Sie hatte von Bernath gehört und wollte ihn schon lange kennenlernen. Spontan dachte ich, dass es interessant wäre diese Begegnung zu begleiten.

Berner Woche: Ein ungleiches Paar – der neutrale schweizer Arzt und die palästinensische Aktivistin. Wie erlebten Sie diesen Kontrast?

Bernath erschien mir wie ein Lexikon, das sich vor mir aufschlug. Seine Erzählungen waren hochspannend, bezogen sich jedoch auf Vergangenes. Dieser historischen Sicht konnte Zuhaira die Befindlichkeit der heutigen Palästinenser hinzufügen. Besonders beeindruckte mich auch ihre Art, auf die Diskriminierung der arabischen Israeli aufmerksam zu machen: Sie greifen zur Kamera und führen ihren Kampf mit kulturellen Mitteln.

Berner Woche: Sie sahen das Thema plötzlich durch die palästinensische Brille, die israelische Seite kommt dabei kaum oder in Form von negativ besetzten Figuren vor. Wie einseitig darf ein Dokumentarfilm sein?

Ein Dokumentarfilm muss nicht ausgewogen sein. In diesem Film haben wir bewusst Partei für die Palästinenser ergriffen. Ich erinnere mich, dass die Dreharbeiten mit den Feierlichkeiten um die 50-jährige Staatsgründung Israels zusammenfielen. Dabei wurden die Probleme der paläestinensischen Flüchtlinge in Israel systematisch ausgeblendet. Gegenüber dieser Einseitigkeit habe ich kein Problem damit, ein bescheidenes Zeichen in die andere Richtung zu setzen.

Berner Woche: Auch die Schweiz kennt Minderheitenprobleme. Was ist besonders an der Situation, die Sie in Israel angetroffen haben?

Die Palästinenser mit israelischem Pass stecken zwischen Stuhl und Bank. Von den eigenen Leuten in den Flüchtlingslagern werden sie als Verräter angesehen, von den Israeli wiederum als potentielle Terroristen. Dieses zwiespältige Gefühl ihrer eigenen Identität gegenüber hat mich interessiert. Dazu gehören auch die Meinungsverschiedenheiten und politischen Konflikte unter den Palästinensern selbst. Gewisse Szenen waren deshalb auch auf palästinensicher Seite umstritten.

Berner Woche: Sie dokumentierten innerarabische Spannungen wie auch solche zwischen arabischen und jüdischen Israeli. Ich nannte es vorhin ein Wespennest. Was bekamen Sie während der Dreharbeiten davon ab?

Erstaunlicherweise hatten wir wenig Probleme beim Drehen. Klar durften wir nicht überall filmen, doch physische Attaken erlebten wir keine. Mir machte mehr der Druck zu schaffen, den wir spürten, wenn wir auf Leute trafen, die alles verloren hatten – ihren Besitz, ihre Heimat, ihre Identität. Sie setzten plötzlich grosse Hoffnungen in unserere Dreharbeiten.

Berner Woche: Was soll und kann ‚Al-Sabbar’ bewirken?

Al-Sabbar’ enthält kein Rezept und keine Lösung für das Palästinenserproblem. Er zeigt jedoch, worin meine Hoffnung liegt: In einer Jugend, die gelernt hat, ihren Kampf nicht mit Bomben sondern mit friedlichen Mitteln zu führen. Mein Traum wäre, den Film dereinst in einem der Dörfer zeigen zu können, in dem die Palästinenser nach über 50 Jahren wieder wohnen dürfen. Das wäre das wahre Happy End des Films.

Interview: Esther Schönenberger

 

Al-sabbar

Sabbar bedeutet im Arabischen Kaktus und Geduld gleichzeitig. Kaktuse sind zäh, sie überdauern Bulldozer und Feuer. Von den 400 palästinensischen Dörfern, die die nach der Staatsgründung Israels 1948 zerstört wurden, zeugen oft nur noch Kaktushaine. Al-sabbar nennt Patrick Bürge seine Dokumentation über Palästinenser mit israelischem Pass auf der Suche nach ihrer Identität. Als Flüchtlinge im eigenen Land wohnen sie oft nicht weit weg von ihren ursprünglichen Dörfern. Ihre Tradition wird vom Regime todgeschwiegen oder als Jüdische ausgegeben. Obwohl die Vertreibung der Palästinenser durch die Israelis über fünfzig Jahre zurückliegt, ist sie nicht nur für die ältere Generation - die teilweise noch immer um ihr Land prozessiert - prägend. Als Auftakt zeigt die Kamera einen arabischen Jungen mit einem Judenstern, der seine Schulkameraden spielerisch umbringt. Eine poetischere Art der Erinnerung pflegt die populäre Sängerin Rim Banna, die alte palestinesisches Volkslieder neu interpretiert. Ihre Musikalität und Sinnlichkeit begleiten und inspirieren den ganzen Film. Der fortschreitende «Israelisierung» versuchen viele Palestinenser mit der Besinnung auf ihre Geschichte zu begegenen. So auch Zuhaira Sabbagh, die Leiterin einer Gruppe von Fotografierenden, die eine Ausstellung über alte arabische Dörfer im heutigen Israel plant. Patrick Bürge begleitet sie auf der Suche nach den Spuren ihrer Vorfahren. Die Athmosphäre ist gespannt, viele bürokratische Hürden sind zu nehmen. Kontrollposten, Sicherheitsbeauftragte und die Bewohner von alten palestinesischen Häusern behandeln sie distanziert oder mit offener Feindseligkeit. Auf ihren Recherchen trifft Zuhaira Sabbagh Hans Bernath, einen 80 jährigen Schweizer, der mit seiner Frau seit 1948 als IKRK- Delegierter für das Rote Kreuz palästinensische Flüchtlinge betreute. Das Paar bereitet gerade seine Rückkehr vor. Bernath entpuppt sich als fotographisch gut dokumentierter Zeitzeuge. Doch Erinnerungen an problematische Ereignisse behält er für sich. Auf dem verminten und komplexen Terrain des langen Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern ist Patrick Bürge gut beraten, keine Objektivität anzustreben. Seine Perspektive ist weitgehend die der Fotografen-Gruppe. Wenn die Kamera jüdisches Territorium betritt, Männer in Kaftanen und israelische Soldaten mit lässig umgehängten MPs zeigt, werden die Bilder nervös und unscharf, die Schnittfrequenz erhöht sich. Bei den teilweise heftigen Konfrontationen bleibt die Kamera sehr nahe am Geschehen, nie aber wird sie voyeuristisch. Mitunter allerdings wäre mit Feinschliffen am Schnitt eine grössere inhaltliche Klarheit möglich gewesen. Eine transparent Empathie, gepaart mit einer musikalischen und rhytmischen Sensibilität verleiht al sabaar über seinen hohen Informationsgehalt hinaus eine grosse athmosphärische und emotionale Dichte. Al-sabbar gibt einer Kultur Stimme und Bilder, die in unseren Breiten nur allzuoft auf steinschmeissende und bombenlegende Attentäter reduziert wurde und immer noch wird.

Thomas Schärer

(ts) P: YAKFilm GmbH (Bern) /SF DRS
R: Patrick Bürge. K: Steff Bossert. T: Max Fahrni. S: Thomas Bachmann. M: Rim Banna, Mustafa al-kurd, Marwan Abado. V,W: Yak-Film (Vern)
(35mm, Beta Digital und SP), Farbe, 97 Minuten, Arabisch, Englisch, Hebräisch, Schweizerdeutsch
(Ut: Englisch/Französisch, Deutsch/Französisch, Arabisch/Englisch)

 

Synopsis

Zuhaira Sabbagh, eine Araberin mit israelischem Pass, leitet in ihrer Freizeit eine Jugendgruppe in Nazareth: Mit Fotoapparaten "bewaffnet" geht die Gruppe auf die Suche nach Ueberresten von arabischen Dörfern, die 1945 von der israelischen Armee zerstört worden sind. Mit ihren Nachforschungen kämpfen die jungen Araberinnen und Araber auf friedliche Art und Weise gegen die ideologische Geschichtsschreibung Israels, welche die Epoche der arabischen Besiedlung auszublenden versucht. Dabei stossen sie bei der israelischen Bevölkerung auf harten Widerstand. Während ihren Nachforschungen trifft Zuhaira Sabbagh auf den Schweizer Arzt Hans Bernath und seine Frau Madeleine, die seit 50 Jahren in Israel leben und als Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes die wichtigsten Phasen des Nahost-Konflikts hautnah miterlebt haben.

Für einmal wird die Vertreibung der PalästinenserInnen aus Israel nicht ausgewogen oder neutral betrachtet. Vielmehr interessierte uns als Filmteam das subjektive Empfinden von israelischen AraberInnen, denen "Falafel" als ursprünglich israelisches Nationalgericht verkauft wird und denen man in Geschichtsbüchern weismacht, ihre Grosseltern hätten nie in Israel gelebt. Während anderswo Steine und Granaten fliegen, greifen diese jungen AraberInnen zu Fotokameras und versuchen, die Vergangenheit und Kultur ihres Volkes zu erforschen und der offiziellen Geschichtsschreibung gegenüberzustellen. Besonders aussagekräftig erschien uns die vielschichtige Beziehung zwischen der palästinensischen Fotografin und dem 80-jährigen Schweizer Arzt, der als IKRK-Delegierter Zeuge der Vertreibung der PalästinenserInnen aus Israel gewesen war. Während sie in ihm eine letzte Möglichkeit sieht, Informationen aus erster Hand zu erhalten, fällt es diesem schwer, das Korsett der amtlich auferlegten Schweigepflicht abzustreifen. Nicht zuletzt leistet der Film einen Beitrag zur behutsamen Wiederaufnahme von Beziehungen zwischen jenen Palästinensern, die in Israel geblieben sind, und jenen, die in den Flüchtlingslagern im Libanon leben. Während es für israelische AraberInnen unmöglich ist, ihre Verwandten in den Lagern zu besuchen, vermögen ihre Fotos die Kriegslinie zu überqueren. Über die Fotos wird den Flüchtlingen vor Augen geführt, dass sie mit ihrem Traum von einer Rückkehr nicht alleine sind.

 

 

 

 

Dichtung des palästinensischen Widerstands

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Ausgewählt und aus dem Arabischen übersetzt
von Irene Daoud

 

Die Palästina-Frage tauchte nicht erst auf mit dem 6 Tage-Krieg von 1967. Sie hatte schon 1882 Wurzeln geschlagen, als erste osteuropäische Juden nach Palästina einwanderten. Diese ersten fremden Siedler auf palästinensischem Boden ebneten sozusagen den Boden für den Zionismus. Schon 1897 forderte Theodor Herzl, österreichischer Journalist, als Präsident des 1. Zionistenkongresses in Basel die Gründung eines "Judenstaates" in Palästina. Während sich Frankreich und England um das Erbe des Ottomanischen Reichs "des kranken Manns am Bosporus" stritten, rang der Zionistenführer Lord Rothschild im Jahre 1917 dem damaligen britischen Außenminister A.J. Balfour in einem Brief das Versprechen ab, für die Gründung einer "Nationalen Heimstätte der Juden" in Palästina Hilfe zu leisten. Dieses Versprechen hatte zur Folge, dass sich die Einwanderung jüdischer Emigranten nach Palästina verstärkte, aber auch der Widerstand der Palästinenser gegen die Einwanderer, die sie von ihrem Land verdrängten. Als die Juden 1948 den Staat Israel Verkündeten, kam es zum ersten Israelisch-Arabischen Krieg. Seither befindet sich das "Heilige Land" im Kriegszustand und Hunderttausende von Palästinensern wurden von den Israelis aus ihrer Heimat vertrieben.

Die Araber, die den ersten jüdischen Einwanderern die für sie sprichwörtliche Gastfreundschaft gewährt hatten, fingen an, sich gegen die strategische Vorgehensweise ihrer ungebetenen Gäste zu wehren. Nach der Gründung des Staates Israel bildeten sich die palästinensischen Befreiungsorganisationen mit der PLO als Dachorganisation mit ihrem Vorsitzenden Jasser Arafat, dem heutigen Präsidenten der autonomen palästinensischen Regierung. Im Kampf zur Befreiung ihres Landes haben die Palästinenser alle ihnen zur Verfügung stehenden Waffen eingesetzt, selbst Kinder haben mit Steinen geworfen in der ersten Intifada 1987 und in der zweiten, die wir heute erleben, nachdem die Friedensverhandlungen im September 2000 abgebrochen wurden.

Aber auch die Literatur hat mit großem Mut beim Widerstand gegen die Invasoren ihren nicht zu unterschätzenden Beitrag geleistet. "Normalerweise wurde Literatur von Widerstandsbewegungen der verschiedenen Völker aus verständlichen Gründen nach der Befreiung veröffentlicht. In Palästina aber ist es notwendig, daß der arabische Leser im allgemeinen und der ausgewanderte insbesondere auf dem Laufenden über diese Literatur ist, da sie im Wesentlichen ihn selbst zum Thema hat und ihn wie die Araber im besetzten Gebiet anspricht(2). Um sich Gehör zu verschaffen, mußte sie jedoch einen beschwerlichen Weg zurücklegen, da die arabische Literatur im allgemeinen begann, sich neu zu orientieren und die palästinsische ihr nur langsam folgen konnte aufgrund der erschwerten Umstände in ihrem Land, in dem die Gesetze von der Besatzungsmacht diktiert wurden. Deshalb hatte die Dichtung den Vorrang, da sie mündlich verbreitet werden konnte, die aber durch die Abgeschlossenheit weiterhin die traditionelle Form bewahrte. Gleichzeitig wurde die Volksdichtung zu einer unerschütterlichen Festung des Widerstands. Die folgenden Verse(3) stammen von einem unbekannten Dichter, die er in der Nacht vor seiner Hinrichtung weitergab:

O Nacht, laß den Gefangnen trauern,
der Morgen wird bald grauen.
Dann wird der Wind den Gehängten wiegen,
dessen Gläser zerbrochen und verloren die Lieben.

O Nacht, beende all meine Sorgen,
vielleicht hab ich vergessen, wer ich bin,
vergessen meine Seufzer.
O Unrecht, wie gingen meine Stunden durch dich dahin?

Halt meine Tränen nicht für Angst, ich weine über mein Land
Und über das Häuflein hungriger Küken im Haus.
Wer wird sie ernähren, wenn ich nicht mehr bin?
Meine Brüder? Sie hauchten vor mir schon ihr Leben am Galgen aus.

Und morgen, wie wird meine Frau ihren Tag verbringen?
Mit ihrem Weh über mich oder über die Kinder?
Ach, hätt ich doch den Reifen an ihrer Hand gelassen
am Tag als der Krieg mir zurief: Komm, kaufe Waffen!

Von Engagement in der Dichtung des palästinensischen Widerstands kann allerdings erst die Rede sein seit Erscheinen heute berühmter Dichter wie Fedwa Tauqan, Mahmoud Darwich, Samih al-Kassem und Taufik Zayad. Für dieses Buch habe ich eine Auswahl der eindrucksvollsten ihrer Gedichte getroffen, die das langjährige Elend und die ganze Problematik des palästinensischen Volkes widerspiegeln.

Damaskus, 01.05.2002

 

 

 

 

Mahmoud Darwich *

 

Geb. 1942 in dem Dorf al-Barwa nahe von Akka. Es gehörte zu den Dörfern, die nach dem Krieg 1948 von den Israelis dem Erdboden gleichgemacht wurden. Im noch jugendlichen Alter nahm er am politischen Kampf teil und trat in die israelische kommunistische Partei ein. Wegen seiner politischen Anschauungen wurde er zu Hausarrest verurteilt. In den Jahren 1961, 1965 und 1967 war er im Gefängnis. So lange wie er in Palästina war, lebte er im Bezirk Galiläa. Einige Zeit arbeitete er als Journalist. 1971 verließ er Palästina, um in Beirut zu leben. Vom Libanon aus verbreitete sich sein Ruhm und man nannte ihn den ersten Dichter des Widerstands. Trotz der engen Grenzen, die ihm sein Engangement für die Sache gesetzt hat, zeichnet sich seine Dichtung durch sich immer wieder erneuernde Schöpfungskraft aus, er bewegt sich in einer Welt mit weit gestrecktem Horizont und macht so das palästinensische Problem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Problem des gequälten und verfolgten Menschen, der es ablehnt, sich seinem Schicksal zu beugen, sondern sich mutig dem Kampf stellt trotz seiner blutenden Wunden. Damit reiht sich Mahmoud Darwich als ebenbürtiger Dichter in die neuzeitliche Weltliteratur ein.

Personalausweis

Schreib auf!
Ich bin Araber,
Ausweisnummer fünfzigtausend,
acht Kinder,
das neunte …es kommt nach dem Sommer!
Macht dich das zornig?

Schreib auf!
Ich bin Araber,
ich placke mich ab wie meine Gefährten im Steinbruch,
ich habe acht Kinder,
für sie zieh ich das Stückchen Brot
Hefte und Kleider
aus dem Stein:
Ich bettel nicht um Almosen vor deiner Tür
und mach mich nicht klein
auf deiner Schwelle


Macht dich das zornig?

Schreib auf!
Ich bin Araber,
ich habe einen Namen ohne Titel,
ich bin geduldig in einem Land,
wo jeder schon vor Zorn entbrannt.

Meine Wurzeln..
Sie wuchsen fest noch vor der Zeit,
vor Ablauf der Zeitalter,
noch bevor man das Gras abgeweidet.
Mein Vater …er stammt von Fellachen,
nein, nicht von noblen Herrn,
und mein Großvater war Bauer
ohne Besitz .. und ohne Ahnentafel!

Mich hat er die Größe der Sonne gelehrt noch vor dem Lesen.
Mein Haus ist eine Hütte
aus Schilfrohr und Pfählen.
Würde dir meine Wohnung gefallen?
Ich habe einen Namen ohne Titel!

Schreib auf!
Ich bin Araber,
ich habe schwarzes Haar
und blaube Augen.
Mich erkennt man:
am Kopfband über der Kufieh
und meine Hände sind hart wie Stein ..
Wer sie anfaßt, trägt eine Spur davon.

Meine Anschrift:
Ich wohne in einem abgelegenen … vergessenen Dorf.
Die Straßen haben keinen Namen dort
Und alle Männer...sind auf dem Feld und im Steinbruch.
Macht dich das zornig?

Schreib auf!
Ich bin Araber.
Du hast die Weinberge meiner Großväter geraubt
Und das Land, das ich bebaut,
ich und alle meine Kinder.
Du hast uns …und meinen Enkeln nichts gelassen
als diese Steine ..
Wird auch die uns … wie man sagt … deine Regierung nehmen?

Also!
Schreib auf .. oben auf der ersten Seite:
Ich hasse die Menschen nicht
und herrsche über andre nicht,
aber ………… wenn ich Hunger leide,
werd ich das Fleisch meiner Peiniger essen.
Vorsicht … Vorsicht .. vor meinem Hunger
und vor meinem Zorn !!

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979

 

 

An meine Mutter

Ich sehne mich nach dem Brot meiner Mutter,
nach dem Kaffee meiner Mutter,
Nach der Berührung meiner Mutter...
In mir wächst Tag für Tag
die Kindheit schon am frühen Morgen.
Ich liebe mein Leben,
denn wenn ich stürbe,
würd ich mich schämen
ob meiner Mutter Tränen.

Nimm mich, falls ich dereinst mal wiederkehre
als Tuch für deine Augenlider,
bedecke mit Gras meine Glieder,
getauft von der Reinheit deiner Ferse.
Schnüre mir meinen Gürtel
mit einer Haarsträhne fest,
mit einem Faden von deines Rockes Saum...
Vielleicht werd ich ein Gott,
ja, ein Gott werde ich,
wenn ich dein Herzesinnere berührt.

Nimm mich, falls ich dereinst mal wiederkehre
als Scheit für deine Feuerstelle,
als Wäscheleine auf deines Hauses Dach,
denn mir fehlt zu stehen die Kraft
ohne dein Tagesgebet.
Alt geworden bin ich,
so gebt mir die Sterne meiner Kindheit zurück,
damit ich zusammen
mit den kleinen Vögeln
kehre zurück
in das Nest, in dem du auf mich wartest.

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979

 

In Erwartung der Heimkehrer

Von einem Menschen

Mit Ketten verschlossen sie seinen Mund,
mit dem Totenschein banden sie seine Hand
und sagten: Du bist ein Mörder!

Sie nahmen sein Brot, seine Flaggen und Kleider
und warfen ihn in den Todeszelle
und sagten: Du bist ein Dieb!

Aus jedem Hafen jagten sie ihn fort
und nahmen ihm seinen kleinen Liebling.
Dann sagten sie: Du bist ein Flüchtling!

Oh, meine blutenden Augen und Hände,
auch diese Nacht nimmt mal ein Ende.
Kein Gefängnis, kein einziges Glied
der Ketten wird bleiben.
Nero ist tot, Rom aber lebt...
kämpft weiter mit seinen Augen, den beiden.
Die Körner einer Ähre zugrunde gehen,
doch das Tal wird voll neuer Ähren stehen...!

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979



Sänger vergossenen Blutes*

Fünfzig Saiten in deines Sängers Hand,
deines Sängers im Olivenhain,
der nur Wind und Regen gekannt,
deines Sängers, den der Schlaf gereut,
der in nächtlicher Runde sich gefreut.
Die sprießende Rose wird, wie du willst,
zum sprühenden Funken in seinem Munde,
der Olivenhain in deinen Augen zum Zauber der Stunde.
Weinen wird er, so ist er's gewohnt,
Wenn der Wind über fünfzig Saiten weht.

Oh, fünfzig blutige Weisen!
Wie ist es geschehen,
dass aus der blutigen Quelle
Sterne und blühende Bäume entstehen?
Und wer ins Grab stieg, o meine Gitarre,
ist der Mörder,
gesiegt hat der Sänger.

Öffne die Tore, o unser Dorf,
lass wehen alle vier Winde hindurch,
lass fünfzig Wunden erglühen,
Kafr Kassem,
Dorf, das von Weizen träumt und blühenden Veilchen,
von Hochzeitsflügen der Täubchen...
Erntet sie alle mit einem Mal,
erntet...
Oh, sie haben sie geerntet....

O Weizenähre auf dem Felde,
dein Sänger singt:
Ach, wüsste ich nur die Geheimnisse, welche
der Baum in sich birgt,
alle toten Worte würd ich begraben,
hätt ich nur Kraft wie der Gräber Schweigen.

O Hand, die auf der Saite spielt,
welch eine Schande, fünfzig Saiten.
Ach, würde ich nur mit der Sense meine Geschichte schreiben
und mit dem Spaten mein Leben bestreiten
mit dem Flügelschlag der Lerchen.

Kafr Kassem,
vom Tode kehr ich zurück zu leben, zu singen,
laß meine Stimme sich an der Wunde entzünden,
leite mich zu dem Hass, der ganz
voll dorniger Diesteln mein Herz bepflanzt.
Ich bin Gesandter einer Wunde, nicht zum Schachern zu bewegen.
Mein Henker hat mich gelehrt, auf der Wunde zu gehen,
und ich gehe...
werde gehen...
und widerstehen!


* Nach der Verstaatlichung der Sueskanalgesellschaft durch Ägypten im Juni 1956 griffen England, Frankreich und Israel Ägzpten in geheimer Absprache am 29.10.1956 an. Um Unruhen vorzubeugen, verhängte Israel an dem Tag über etliche Dörfer in den besetzten Gebieten ein Ausgehverbot von 17.00h abends bis 06.00h früh. Kafr Kassem gehörte zu diesen Dörfern. Um 16.30h informierten israelische Militärs den Gemeindevorsteher des Dorfes über die Ausgangssperre. Viele der Dorfbewohner befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch bei ihrer Arbeit außerhalb des Dorfes und konnten nicht mehr benachrichtigt werden. Bei ihrer Rückkehr wurden 48 Personen ohne Vorwarnung von israelischen Soldaten erschossen.

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979

 

 

Mohammed *

Mohammed
kuschelt sich in den Schoß des Vaters.
Er fürchtet sich, ein kleiner Vogel:
Schütze mich, vor der Hölle des Himmels,Vater,
vor den Flugzeugen dort oben, denn mein Flügel
ist zu klein vor dem Wind und der schwarzen Nacht.

Mohammed
möchte nach Hause zurück.
Er möchte ein Hemd…und ohne Fahrrad
Will er zur Schulbank gehn
zum Einmaleins und ABC:
Vater bring mich in unser Haus zurück,
damit ich meine Lektionen lerne
und langsam, langsam älter werde
am Meeresstrand, unter der Palme,
sonst will ich nichts.

Mohammed
steht ohne Stein vor einem Heer.
Er hat nichts auf die Mauer geschrieben
von Freiheit, die er nicht hat zu verlieren,
und weder sein Himmel noch Horizont
Pablo Picasso's Taube kennt.
Er ist noch ein Kind.
Doch sein Feind verfolgt ohne Unterlaß
seinen Namen mit Haß.
Vergebens! Es gibt so viele Mohammeds.
Nach ihm kommt wieder ein Mohammed zur Welt,
Der wiederum einen Mohammed zeugt,
ein Kind ohne Heimat, ohne glückliche Kindheit.
Wo soll es seine Träume träumen..
wenn das heilige Land eine Wunde ist?

Mohmmed
sieht seinen sicheren Tod, aber dann
fällt ihm ein Panther vom Fernsehn ein.
Ein starker Panther war drauf und dran
ein Rehkitz zu erbeuten.
Doch als er sich näher schlich,
hat er die Milch gerochen
und ist davon gekrochen.
Als hätte die Milch die Bestie der Wüste gezähmt.
Also, ich werde gerettet - sagt der Junge und weint.
Ist mein Leben dort in Sicherheit?
In den Schrank meiner Mutter kann ich mich retten …und Zeuge sein.

Mohammed,
armer Engel, zwei Bogenlängen entfernt
vom Gewehr
seines kaltblütigen Jägers. Wer
verfolgt einen unschuldigen Jungen?
Sein Jäger hätte noch einmal nachdenken können
und sagen: Ich lasse ihn laufen
bis er fehlerfrei
Palästina buchstabieren kann..
Ich laß ihn jetzt laufen,
und nehms auf mein Gewissen.
Doch morgen, wird er rebellisch, werd ich ihn töten.

Mohammed,
kleiner Jesus, er schläft und träumt
in einer Ikone
aus Kupfer und einem Ölbaumzweig.
Aus der Seele des Volkes wird er wiedererstehn.

Mohammed,
sein Blut haben die Propheten nicht gebraucht,
sie hatten genug. Steig auf
zum ewigen Lebensbaum,
Mohammed, steig auf.



* Der elfjährige Mohammad al-Durra wurde auf dem Weg nach Hause an der Hand seines Vaters von einer israelischen Kugel tödlich getroffen.

(Veröffentlicht in der syrischen Zeitung Al-Thawra am 25.10.2000).

 

Fedwa Tauqan *

Fedwa Tawqan wurde 1917 in Nablus geboren. Ihre ersten erfolgreichen Gedichte, die zur romantischen Strömung zählen, schrieb sie in der traditionellen klassischen Form. Aber schon als die arabische Dichtung begann, sich von den seit der vorislamischen Zeit überlieferten Zwängen zu befreien, wandte sich die Dichterin der noch in den Anfängen steckenden modernen freien Dichtung zu, um in dieser zeitnaheren Ausrucksform persönliche und gesellschaftliche Themen zu behandeln. Sie gehört zu den ersten arabischen Lyrikern, die in ihrer Dichtung versuchten, aufrichtige Gefühle zum Ausruck zu bringen. Nachdem ihr Land in die Hände der zionistischen Besatzer gefallen war, schrieb sie vor allem Gedichte für den Widerstand. Seit 1952 hat sie zahlreiche Gedichtsammlungen herausgegeben, für die ihr mehrere arabische und internationale Preise verliehen wurden.

 

Freiheit

Freiheit!
Freiheit!
Freiheit!
Ein Wort, ich wiederhole es voll Zorn
im Feuer und unter Kugelhagel,
ich lauf ihm trotz der Fesseln nach,
und die Welle des Zorns wird mich weitertragen,
ich werde kämpfen um meine Freiheit!

Freiheit!
Freiheit!
Der heilige Fluß und die Brücken rufen
Freiheit!
Beide Ufer rufen: Freiheit!
Die zornigen Boen des Windes,
Donner, Sturm und Regen in meiner Heimat,
sie rufen mit mir:
Freiheit, Freiheit, Freiheit!
Ich werde kämpfen und dabei ihren Namen
in den Boden, an Türen, Balkone und Wände graben,
in Kirchen, auf Altären, in den Feldern,
auf jeden Hügel, jeden Abhang, jede Straßenecke,
im Gefängnis, in der Folterkammer, am Galgen,
trotz Ketten, gesprengter Häuser und Feuerzungen
werde ich ihren Namen schreiben
bis er sich über mein ganzes Land erstreckt und wächst
und weiterwächst
und weiterwächst
bis er jede Handbreit des Bodens bedeckt,
bis ich sie, die glühende Freiheit, durch jede Türe gehen sehe,
bis die Nacht entflieht und das Licht die Nebelsäulen vertreibt,
Freiheit!

Freiheit!
Der heilige Fluß* und die Brücken rufen:
Freiheit!
Die zornigen Boen des Windes,
Donner, Sturm und Regen in meiner Heimat
rufen mit mir:
Freiheit, Freiheit, Freiheit!


* Gemeint ist der Jordan

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1978

 

 

Der Fedaiyin* und das Land

Mit diesem Gedicht hat Fedwa Tauqan dem gefallenen Widerstandskämpfer Mazen abou Ghazaleh ein Denkmal gesetzt. am 30. September 1967 gab es im Hügelland von Tobas im Bezirk Nablus ein heftiges Gefecht zwischen einer Gruppe palästinensischer Fedaiyin und den israelischen Besatzern. Nachdem die Palästinenser drei Tage starken Widerstand geleistet hatten, ging ihnen die Munition aus. Mazen hielt weiterhin die Stellung, um den Rückzug seiner Freunde zu decken. In seinem Tagebuch fand man folgende Eintragung datiert 15. Juni 1967: "O meine Lieben, o mein Volk, o Gott, was soll ich schreiben und für wen ... Ich hoffe, dass ich nichts anderes schreiben werden als einen Brief des Sieges".

-1-



Ich sitze, um zu schreiben. Was schreiben?
Welchen Sinn hat noch das Wort?
O meine Lieben, o mein Land, o mein Volk,
wie verächtlich ist es, daß ich sitze und schreibe
an diesem Tag.
Schütze ich meine Lieben mit dem Wort?
Rette ich mein Land mit dem Wort?
Alle Worte sind heute wie Salz,
von dem nichts grünt, nichts wächst
in dieser Nacht…

-2-



Inmitten der Wirrnis und Verlorenheit
leuchtet in seinem Herzen ein göttliches Licht,
und in seinen augen entflammt eine Glut.
Er klappte zu sein Heft
und sprang auf, Mazen, ein Junge voll Mut.
Er trug seiner Liebe Last,
seines Landes und seines Volkes Sorgen
und alle verstreuten Hoffnungsfunken.

*****

-: Ich werde gehen, Mutter,
werde gehen mit den Gefährten
wohin mir beschieden
mit dem Schicksal zufrieden,
das ich tragen werde wie einen Stein
an meinen Hals geschmiedet.
Vorwärts geht es von hier.
alles was ich habe, jeden Schlag in meiner ader,
alle Liebe, allen Großmut, jede Ehre
gebe ich dir, mein Land
als Morgengabe, denn nichts als das Land
ist teurer als du, meine Mutter.
-: O mein Kind!
O mein Herz!
-: O Mutter, der Festzug,
noch kommt er nicht,
aber kommen wird er bestimmt
mit von Ruhm beschleunigtem Schritt.
-: O mein Kind!
O …
-: Sei nicht traurig, wenn ich falle
und nicht mehr wiederkomme,
denn unser Weg ist lang und hart
und vor unserer ankunft erstrecken sich weit
die Gestade der höllischen Nacht,
die wir überqueren auf Fackeln von Blut.
aber nach uns wird die Freude kommen,
ganz bestimmt wird die Freude kommen,
und Geben und Nehmen werden gleich.
-: O ja mein Kind,
geh!

Seine Mutter gab ihm zum Schutze zwei Suren aus dem Koran.
Nun, so geh!
Und sie flehte für ihn im Namen Gottes auf den Koran.
Mazen, ihr Junge, war ein Prinz, ein Held,
er war ihr Ruhm und ihr Stolz in der Welt
und war das Größte, was sie der Heimat gab.

*****

Im Finster der Nacht,
in der weiten Leere
hat sie ihr Gebet verrichtet
und ihr Gesicht gen Himmel gerichtet,
und der Himmel war überflutet von Rätseln und Sternen.
……………….

O Tag, an dem sie ihn dem Leben gab,
ein kleiner Teig, duftend
nach allem, was die Erde an Wohlgerüchen hat.
O Tag, an dem sie ihn an ihrer Brust gestillt,
die Seligkeit umarmend,
hat sie den Sinn ihres Lebens gefühlt
in einem Tropfen Milch.
………………

O mein Kind,
o mein Herz,
für diesen Tag hab ich dich geboren,
für diesen hab ich dich an meiner Brust genährt,
für diesen hab ich dir geschenkt
mein Blut und meines Herzens Schlag,
alles, was eine Mutter nur geben mag.
O mein Kind, mein edler Sproß,
herausgerissen nun aus edlem Land,
geh. Denn nichts als das Land
ist teurer als du, mein Sohn.

-3-

-
"Tobas", hinter den Hügeln
lauschen Ohren gespannt den Worten,
und aus den augen ist der Schlaf geflohen.
Der Wind hinter der Mauer des Schweigens verborgen
erhebt sich und heult in den Hügeln,
keucht atemlos
Und dreht sich im Kreise des Tods.

Tausend Willkommen o Tod!
Durchbohre den fallenden Stern und gehe
über die Hügel
wie ein Blitz mit flammender Stimme
säe lebendiges Licht
      auf die Hügel
in eine Erde, die kein Tod mehr besiegt,
die niemals mehr der Tod besiegt.



* Widerstandskämpfer gegen die Besatzungsmachtn

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1978

In ihrem Schoß

Auf ihrer Erde möchte ich sterben,

in ihr möcht ich begraben sein,

unter ihrem Boden schmelzen und vergehn

und als Grashalm wieder auferstehn,

als Blume auferstehn,

berührt von eines Kindes Hand,

das aufgewachsen in meinem Land.

Es genügt mir, zu bleiben in meiner Heimat Schoß

als Erde,

als Blume,

als Gras.

 

 

Samih al-Kassem *

Samih al-Kassem wurde 1939 in dem Dorf al-Rama geboren, das 29 km östlich von Akka und 40 km nördlich von Nazareth liegt. Das Gymnasium besuchte er in Nazareth. Nach Schulabschluss arbeitete er 5 Jahre lang als Lehrer. Dann arbeitete er bei einem Wochenmagazin, das von dem Knesset-Mitglied Uri Avneri herausgegeben wurde. Anschließend war er Redakteur bei mehreren Zeitungen. Wegen seiner nationalen Gesinnung wurde er verfolgt, kam ins Gefängnis und lebte in bitterer Armut. Trotzdem blieb er ein aufrichtiger Patriot und Verfechter der palästinensischen Sache. Diese Haltung geht aus seinem gesamten lyrischen Werk hervor.


·         Ein Brief an Gott

·         Im 20. Jahrhundert

·         Ein Brief an Invasoren, die nicht lesen

·         Ich werde widerstehen

 

Ein Brief an Gott

 

"Vom Land der Trauer"
"Datum: ..Wir trauern noch immer"

Herr des Alls, Vater unser,
tausendfach Frieden mit dir.
Von den Feldern des Elends kommen diese Worte,
von ausgehungerten Tälern, von Gipfeln,
deren Adler, auf den Thyrsusstab geworfen,
in Verzweiflung gestorben!
Von Meeren, in denen keine Inseln mehr sind,
sondern nur noch von bitterer Erinnerung geschwollene Segel,
von geknebeltem Leben in einem ungeborenen Kind.
Alles, was diese Worte sagen wollen,
o Vater unser, Vater, dessen Waisen des Gebetes leid sind,
o Vater, wir haben gebetet seit vielen Jahren,
o Vater, und sind noch immer Flüchtlingsscharen.

*****

Unser Land,
aus Honig - so wurde gesagt - und Strömen - so wurde gesagt
von Milch,
hat - so wurde gesagt - die großen Propheten hervorgebracht.
Wir haben es geliebt,
aber am Ende hat unsere Liebe uns nur zu Elenden gemacht,
wir mussten alle Schmerzen des Kreuzes erleiden.
O Vater unser, wie kann es dir gefallen, dass deine armen Söhne
ohne Schuld - alle Schmerzen des Kreuzes erleiden!!

*****

O Vater unser, ab heute sind wir keine Elenden mehr,
wir werden nicht mehr zu dir beten, damit du Brot auf uns regnen lässt,
unsere Wunde werden wir nicht mehr heilen mit Talisman und Amulett.
Wir haben durch unsere Trauer große Propheten hervorgebracht
und von unseren größer werdenden Wünschen, haben wir einen Gott gemacht,
der durch unser Elend hindurch einen Weg geschlagen zu einem neuen Morgen.

*****

Wenn diese Worte provozieren, verzeih Allmächtiger,
ich bin ein Mensch, aus Erde gar,
ich bin, seit ich bin, der Sünder,
und du mein Herr bist unfehlbar!!

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1973


Im 20. Jahrhundert

In früheren Zeiten
wusste ich nichts von Hass,
jetzt aber muss ich ohn Unterlass
mit dem Speere streiten,
gegen das Ungeheuer
kämpfen mit einem Schwert von Feuer
im Angesicht Baals,
einer Gottheit, die schlummert,
gleichen Elias
im 20. Jahrhundert.

In früheren Zeiten
habe ich keinen Gott verleugnet.
aber ich werde peitschen
eine Gottheit, der einst ich mein Herz gebeuget,
eine Gottheit, die mein Volk verkauft
im 20. Jahrhundert.

In früheren Zeiten
jagte ich keinen Gast von meiner Tür.
Doch eines morgens hab ich die Augen geweitet
als mir die Ernte gestohlen
und mein bester Freund hing am Galgen,
und der Leib meines Jüngsten voller Wunden.
Da hab ich den verräterischen Gast erspäht,
der vor mein Haus Minen und Dolche gesät.
Und bei meines Messers Schneide hab ich geschworen,
ein solcher Gast bleibt nicht ungeschoren
Im 20. Jahrhundert.

In früheren Zeiten
war ich nur Dichter
im Kreise von Dichtern,
aber ich bin ein Vulkan,
seid nicht verwundert,
im 20. Jahrhundert.

Gesammelte Werke Ein Brief an Invasoren, die nicht lesen

 

Vorwärts, vorwärts!


Jeder Himmel über euch wird eine Hölle sein
und jeder Boden unter euch wird eine Hölle sein.
Vorwärts!
Kind und Greis werden eher sterben
als sich ergeben.
Vorwärts
mit euren Truppen,
eueren Hassgeschossen.
Droht,
vertreibt,
macht Kinder zu Waisen
und Häuser zu Ruinen.
Ihr könnt unsere Herzen nicht brechen,
unsere Sehnsucht nicht stillen.
Wir sind das Schicksal, dem ihr nicht entrinnt.

Vorwärts!
Hinter jedem Stein ist eine Hand,
hinter jedem Grashalm steht der Tod,
nach jedem Leichnam erwartet euch eine saubere Falle,
und wenn ihr ein Bein gerettet,
erwischt es euch an Arm und Hand.
Vorw&aum;rts!
Jeder Himmel über euch wird eine Hölle sein,
und jeder Boden unter euch wird eine Hölle sein.
Vortwärts!

(Ausschnitt aus dem Gedicht "Intifada" - Lehrbuch der 3. Gymnasialklasse in Syrien 1992 - 1993)



 

Ich werde widerstehen

Vielleicht verlier ich - wenn du willst - mein täglich Brot,
vielleicht bringt mich um Bett und Kleid die Not,
vielleicht breche ich Steine, trag Lasten und fege Straßen,
vielleicht such ich im Viehmist nach Körnern,
vielleicht sterb ich hungers, nackt und verlassen…
Aber, o Feind der Sonne, nichts wird mich zum Handel bewegen,
Und bis zum letzten Schlag in meinen Adern werd ich widerstehen.

*****

Vielleicht raubst du mein letztes Stückchen Land,
vielleicht wird ins Gefängnis meine Jugend verbannt,
vielleicht reißt du an dich mein väterliches Erbe
mit Tisch und Stuhl, Krug, Tassen und Teller,
vielleicht verbrennst du meine Poesie und Bücher,
vielleicht wirfst du mein Fleisch den Hunden vor als Futter,
vielleicht bleibst du in meinem Dorf ein Alptraum voller Schrecken,
Aber, o Feind der Sonne, nichts wird zum Handel mich bewegen,
und bis zum letzten Schlag in meinen Adern werd ich widerstehen.